Visualisierung der Konstruktion historischer Wirklichkeit? Einblicke in das forschungspraktische Vorgehen bei der qualitativen Interpretation von Concept Maps.

Burghard Barte (Universität Passau)

Hinsichtlich die Entwicklung des Professionswissens im Rahmen der ersten Phase der Lehrer*innenbildung (Sauer, 2013; Kleickmann & Anders, 2011), wird mit Blick auf das spätere professionelle Handeln angenommen, dass die „Organisation des zu erwerbenden wissenschaftlichen Wissens […] wichtiger als sein Umfang“ (Blömeke, 2002, 92; Baumert & Kunter, 2006, 492) ist. Geschichtsdidaktische Studien zur Organisation historischen Wissens im Sinne der Begriffsbildung und Konzeptentwicklung stellen jedoch ein Desiderat dar (Langer-Plän & Beilner, 2006, 248; Barricelli & Sauer, 2015, 190). Dem widmet sich das Projekt, aus dem der Vortrag die Teilfrage fokussiert, wie Geschichtsstudierende historische Begriffe bilden und relationieren. Die Datengrundlage bilden Concept Maps, anhand derer das forschungspraktische Vorgehen in der qualitativen Auswertung von Concept Maps vor- und die Interpretationen zur Diskussion gestellt werden.

Für die Zielsetzung des Projekts, eine gegenstandsbezogene Theorie zur Organisation historischen Fachwissens zu entwickeln, bildet die konstruktivistische Grounded-Theory-Methodologie (Charmaz, 2014; Flick, 2019) den forschungskonzeptionellen Rahmen. Als Prä-Post-Design angelegt, wurden in einer Mischform aus zufälligem und systematischem Sampling (Truschkat, Belz & Volkmann, 2011, 362–365) im Rahmen zweier thematisch verschiedener fachwissenschaftlicher Lehr-Lern-Kontexte Concept Maps von insgesamt zwölf Studierenden erstellt und mit ihnen leitfadengestützte Interviews geführt. Beide Lehr-Lern-Kontexte wurden mittels teilnehmender Beobachtung protokolliert, um durch einen multiperspektivischen Zugang (Brake, 2018) die Bezugnahmen auf den Seminardiskurs als Lernsystem (Schmidt, 2005) in der individuellen Entwicklung des historischen Fachwissens herauszuarbeiten.

Dem Concept Mapping als das im Vortrag fokussierte Erhebungsinstrument liegt die Annahme zugrunde, dass Wissen in semantischen Netzwerken strukturiert ist (Gehl, 2012) und Lernen eine transformative Veränderung dieser kognitiven Strukturen darstellt (Seel, 2016, 252). Davon ausgehend werden Concept Maps in dem Projekt nicht als ein Abbild der kognitiven Struktur, sondern als Darstellung des themenbezogenen, aktiven Wissens angesehen (Barte, Landgraf & Mühling, 2020). Um die individuellen, begrifflichen Assoziationen erfassen, wurde für die Erstellung eine offene Form des Concept Mappings gewählt und keine Begriffe oder Relationen vorgegeben (Graf, 2015, 330). Die Erhebung der Maps, der eine Einführung in die Methode sowie eine Erprobung mit dem Tool vorangestellt wurde, fand im Rahmen der fachwissenschaftlichen Seminare in der einführenden sowie abschließenden Sitzung statt und war somit konzeptionell in das Seminar integriert.

Die Auswertung der Concept Maps erfolgt in den drei iterativen Phasen des initial, focused und theoretical coding (Charmaz, 2014). Für die Analyse von Mustern der Begriffsbildung wurden zunächst für die Propositionen und Brückenverbindungen – letztere beschreibt einen Pfad zwischen zwei Begriffen mit mindestens einem Zwischenbegriff – in den Concept Maps der acht Fälle aus dem ersten Lehr-Lern-Kontext zusammenfassende und dann konzeptualisierende Codes formuliert, um die Maps als Daten „aufzubrechen“. So wurde etwa die Proposition „Raumbildung —> dadurch geschaffen —> Kommunikation“ (999bed_text, Pos. 19), die in einer Concept Map zum Thema „Raumbildung und Kommunikation im Spätmittelalter“ formuliert wurde, als „ableitendes Verknüpfen“ codiert. Dieser Code hat sich im Rahmen des fokussierten Codierens als Dimension der Kategorie „Verknüpfen“ etabliert, die durch andere Subkategorien wie das „vergleichende Verknüpfen“ weiter ausdifferenziert wurde. Zur Verdichtung der gebildeten Kategorien werden in den nächsten Schritten die vier Fälle aus dem zweiten, thematisch differenten Lehr-Lern-Kontext herangezogen.

Die in der Subkategorie „vergleichendes Verknüpfen“ erkennbare Nähe zum lernpsychologischen Konstrukt der modelltheoretischen Analogiebildung (Seel, 2016, 201) verweist darauf, dass die vollzogene Theoriebildung zur Wissensorganisation ein „fortlaufendes theoretisches Matching zwischen der in Entwicklung befindlichen KGT [konstruktivistischen Grounded Theory. Anm. B.B.] einerseits, und vorgängig existierenden Theorien und Theoriebausteinen andererseits“ darstellt (Hohage, 2016, 116). Zur angestrebten Herausarbeitung domänenbezogener Spezifika der Begriffsbildung werden im Rahmen des theoretischen Codierens gezielt geschichtsdidaktische Theorien wie unter anderem das konzeptuelle Wissensmodell Kühbergers (2016), das Konstrukt „Sachkompetenz“ der FUER-Gruppe (Schöner, 2007) sowie die vorliegenden Studien zum Begriffslernen (Langer-Plän & Beilner, 2006) und zu themenbezogenen Vorstellungen (Mathis, 2015; Stöckle, 2011) als Bezugsfolien und Irritationsanlässe herangezogen (Thornberg & Charmaz, 2014).

Aus dem Rückbezug der Vorergebnisse auf den Diskurs zur Entwicklung historischen Fachwissens lassen sich pragmatische Implikationen für die hochschulische Bildungspraxis ableiten. So deuten diese auf das Potential einer systematischen Variation verschiedener Zugangsformen zu historischen Themenkomplexen für die Förderung eines kohärenten und flexiblen Fachwissens, welches für professionelles Handeln als höchst bedeutsam erachtet wird (etwa Neuweg, 2014; 588–589).

Literaturverzeichnis

Barricelli, Michele & Sauer, Michael. (2015). Empirische Lehr-Lern-Forschung im Fach Geschichte. In Georg Weißeno & Carla Schelle (Hrsg.), Empirische Forschung in den gesellschaftswissenschaftlichen Fachdidaktiken (S. 185–200). Wiesbaden: Springer.

Barte, Burghard, Landgraf, Julia & Mühling, Andreas (2020): Concept Mapping als ein Weg zur Erfassung professionsbezogener Wissensanteile im Praxissemester. In Birgit Brouer/Margot Janzen & Jörg Kilian (Hrsg.). Formen der (Re-)Präsentation fachlichen Wissens. Ansätze und Methoden für die Lehrerbildung in den Fachdidaktiken und in den Bildungswissenschaften. Münster: Waxmann (im Druck).

Baumert, Jürgen & Kunter, Mareike. (2006). Stichwort: Professionelle Kompetenz von Lehrkräften. Zeitschrift für Erziehungswissenschaft, 9, 469–520.

Blömeke, Sigrid. (2002). Universität und Lehrerausbildung. Bad Heilbrunn/Opp.: Julius Klinckhart.

Brake, Anna. (2018). Kombinieren, mixen, verbinden? Integration als konstitutives Element methodentriangulierender Zugänge. In Jutta Ecarius & Ingrid Miethe (Hrsg.), Methodentriangulation in der qualitativen Bildungsforschung (2. Aufl., S. 45–66). Opladen u. a.: Barbara Budrich.

Charmaz, Kathy. (2014). Constructing Grounded Theory (2. Aufl.). Los Angeles u. a.: Sage.

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Gehl, Dagmar (2012). Mapping und Eyetracking. Eine Methodenkombination zur Diagnose medial initiierter Wissenszuwächse. In Hans-Jürgen Bucher & Peter Schumacher (Hrsg.), Interaktionale Rezeptionsforschung: Theorie und Methode der Blickaufzeichnung in der Medienforschung ((S.135–158). Wiesbaden: Springer.

Hohage, Christoph. (2016). Kathy Charmaz’ konstruktivistische Erneuerung der Grounded Theory. In Claudia Equit & Christoph Hohage (Hrsg.), Handbuch Grounded Theory. Von der Methodologie zur Forschungspraxis (S. 108–127). Weinheim, Basel: Beltz Juventa.

Kleickmann, Thilo & Anders, Yvonne (2011). Lernen an der Universität. In Mareike Kunter/Jürgen Baumert & Werner Blum (Hrsg.), Professionelle Kompetenz von Lehrkräften: Ergebnisse des Forschungsprogramms COACTIV (S. 305–315). Münster u.a.: Waxmann.

Kühberger, Christoph. (2016). Historisches Wissen – verschiedene Formen seiner Strukturiertheit und der Wert von Basiskonzepten, in Wolfgang Hasberg, & Holger Thünemann (Hrsg.). Geschichtsdidaktik in der Diskussion: Grundlagen und Perspektiven (S. 91–108). Frankfurt am Main: Peter Lang.

Langer-Plän, Martina & Beilner, Hartmut. (2006). Zum Problem historischer Begriffsbildung, Hilke Günther-Arndt (Hrsg.), Geschichtsdidaktik empirisch: Untersuchungen zum historischen Denken und Lernen (S. 215–250). Berlin: LIT.

Mathis, Christian. (2015). „Irgendwie ist doch da mal jemand geköpft worden“ – Didaktische Rekonstruktion der Französischen Revolution und der historischen Kategorie Wandel. Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren.

Neuweg, Georg Hans (2014). Das Wissen der Wissensvermittler: Problemstellungen, Befunde und Perspektiven der Forschung zum Lehrerwissen. In Ewald Terhart/Hedda Bennewitz & Martin Rothland (Hrsg.), Handbuch der Forschung zum Lehrerberuf (S. 583–614). Münster: Waxmann.

Sauer, Michael. (2013). Vermittlungsformen in der universitären Geschichtslehrerbildung: Einführung. In Susanne Popp/Michael, Sauer/Bettina Alavi/ Marko Demantowsky & Alfons Kenkmann (Hrsg.), Zur Professionalisierung von Geschichtslehrerinnen und Geschichtslehrern: Nationale und internationale Perspektiven (S. 269–278). Göttingen: Vandehoeck & Ruprecht.

Schmidt, Siegfried J. (2005). Lernen, Wissen, Kompetenz, Kultur. Vorschläge zur Bestimmung von vier Unbekannten. Heidelberg: Carl Auer.

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Seel, Norbert M. (2016). Psychologie des Lernens. Lehrbuch für Pädagogen und Psychologen (2. Aufl.). München, Basel: UTB.

Stöckle, Friederike. (2011). „Die armen kleinen Bäuerlein …“: Schülervorstellungen zu mittelalterlichen Herrschaftsformen: Ein Beitrag zur didaktischen Rekonstruktion. Oldenburg: Didaktisches Zentrum.

Thornberg, Robert & Charmaz, Kathy. (2014). Grounded Theory and Theoretical Coding. In Uwe Flick (Hrsg.), The Sage Handbook of Qualitative Data Analysis (S.153–169). Los Angeles u.a.: Sage.

Truschkat, Inga/Kaiser-Belz, Manuela & Volkmann, Vera. (2011). Theoretisches Sampling in Qualifikationsarbeiten: Die Grounded-Theory-Methodologie zwischen Programmatik und Forschungspraxis. In Günter Mey & Katja Mruck (Hrsg.), Grounded Theory Reader (S.353–380). Wiesbaden: Springer.

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