Sprachsensibler Geschichtsunterricht in der Sek. I – eine Interventionsstudie

Helene Bergmann (PH Freiburg)

Aktuelle gesellschaftliche Veränderungen und die Ausweitung inklusiven Unterrichts verstärken die Heterogenität im Klassenraum und erhöhen den Bedarf an Konzepten zur Binnendifferenzierung und Sprachförderung im Fachunterricht. Auch die geschichtsdidaktische Forschung reagiert darauf, indem sie sich verstärkt dem sogenannten „sprachsensiblen Geschichtsunterricht“ zuwendet (vgl. etwa Buck, 2019; Bernhard & Conrad 2018; Handro, 2016). Trotz des stetig wachsenden Forschungsstandes zu sprachlichen Aspekten historischen Lernens (vgl. etwa Eckerth & Resch, 2016; Mierwald et al., 2018; Oleschko, 2015) fehlt es bislang jedoch an fachspezifischen Studien zur Wirksamkeit von Scaffolding-Konzepten und es ist ungeklärt, inwieweit diese tatsächlich zum Kompetenzaufbau der Lernenden beitragen. Während die diesbezügliche deutschsprachige Forschung noch am Anfang zu stehen scheint, ist die amerikanische Forschung bereits weiter fortgeschritten und weist etwa für den Bereich der Leseförderung positive Effekte auf historisches Lernen nach, wenngleich auch hier ein Bedarf für weitere, insbesondere quantitative Untersuchungen konstatiert wird (vgl. die Metanalyse von McCulley & Osman, 2015; Kareva & Echevarria, 2013; Reisman & McGrew, 2018; Short et al., 2011). Bereits existierende Studien enthalten zudem oft wenig Hinweise zur differenziellen Wirkung von Sprachfördermaßnahmen in leistungsheterogenen Klassen, die im Fokus des nachfolgend vorgestellten Promotionsprojekts stehen.

Als Teil des Forschungsverbunds „HeLPS – Heterogenität: effektive Lernsettings und Professionalität an Schulen“ zielt das Projekt auf die Entwicklung und Evaluation eines adaptiven Lernangebots für das Fach Geschichte, das SchülerInnen bei der Erschließung von Fachtexten durch Lesefördermaßnahmen und weitere sprachliche Hilfen gezielt unterstützt. Dabei wird an Erkenntnisse der Apitude-Treatment-Interaction (ATI) Forschung zu binnendifferenzierendem Unterricht angeknüpft, wie etwa die folgende gut abgesicherte Verallgemeinerung: Bei ungünstigen Lernvoraussetzungen sind stärker strukturierte Lernsettings vorteilhaft, bei günstigen Lernvoraussetzungen hingegen die Anregung selbstgesteuerten Lernens. SchülerInnen mit ungünstigen Lernvoraussetzungen werden hierbei am stärksten durch unpassende Lernsettings beeinträchtigt (vgl. Kalyuga, 2003; Kalyuga & Renkl, 2009). Desweiteren wird an Befunde aus den Bereichen Sprachdidaktik und DaZ angeknüpft, die nahelegen, dass eine sprachsensible Lernumgebung das fachliche Verstehen auch im Fach Geschichte erleichtert (vgl. etwa Ahrenholz et al., 2019; Beese & Benholz, 2013). So wurde etwa der Nutzen von Lesestrategien zur Förderung des Textverständnisses durch die sprachdidaktische Forschung bereits umfänglich nachgewiesen (vgl. die Metanalyse von Schneider et al., 2013 sowie etwa Philipp & Schilcher, 2012). Dennoch findet im Geschichtsunterricht bislang kaum systematische und explizite Leseförderung statt. Das vorgestellte Projekt untersucht, unter welchen Bedingungen in den Geschichtsunterricht integrierte Leseförderung das historische Lernen, welches auf die Informationsentnahme aus Texten angewiesen ist, effektiv unterstützen kann. Damit trägt es auch zur weiteren empirischen Absicherung der bisher uneinheitlichen Befunde der Unterrichtsforschung zu Differenzierungsstrategien im regulären Klassenunterricht bei (vgl. die Metaanalyse von Deunk et al., 2015 sowie etwa van Geel et al., 2018).

Im Rahmen einer (quasi-)experimentellen Studie, welche aus zwei Teilstudien mit Prä- und Posterhebungen besteht, werden die Umsetzbarkeit und die Effekte einer adaptiven Unterrichtseinheit zum Alten Ägypten in einem ökologisch validen Setting überprüft. Die Sprach- und insbesondere die Lesefähigkeiten der SchülerInnen werden dabei als zentrale Heterogenitätsvariable betrachtet und durch die Zuweisung zu verschiedenen Gruppen differenziell gefördert, um anschließend die Effekte der Lesefördermaßnahmen auf das als abhängige Variable betrachtete themenspezifische fachliche Wissen zu untersuchen. Die fachlichen Inhalte werden durch drei Fachtexte, zwei Schulbuchtexte und einen Quellentext repräsentiert, welche Aspekte von Herrschaft und Gesellschaft im Alten Ägypten thematisieren. Die Leseunterstützung wird durch Anleitungen zur Nutzung verschiedener aufeinander aufbauender Lesestrategien realisiert, mit deren Hilfe sich die SchülerInnen die Texte teilweise selbstständig und teilweise kooperativ erschließen. Während die Materialgrundlage in beiden Fördergruppen identisch ist, wird das Ausmaß der Sprachunterstützung in den einzelnen Gruppen systematisch variiert, etwa hinsichtlich des Strukturierungsgrades der Texte und der Aufgaben. Die in der Intervention verwendeten Texterschließungsstrategien entstammen einem umfassend evaluierten Leseförderprogramm für den Deutschunterricht (vgl. Bönnighausen & Winter, 2012) und wurden hinsichtlich der speziellen Anforderungen historischer Fachtexte, wie etwa gehäuft vorkommende komplexe Verweisstrukturen, niedrigfrequente Wörter oder epistemisch modale Ausdrücke (vgl. etwa Siegmund, 2019) fachspezifisch profiliert.

Die erste der beiden Teilstudien (ATI-Studie) zielt auf die experimentelle Absicherung der vorwiegend unter Laborbedingungen gewonnenen Befunde der Lehr-/Lernforschung zur differenziellen Wirkung adaptiver Strategien in einer realen Unterrichtssituation. Dazu wird ein 2×2-Design angewendet: 80 SchülerInnen der fünften Klasse werden, wenn möglich randomisiert, den Teilgruppen T1 und T2 zugewiesen, in denen jeweils beide Treatments implementiert werden. Während T1 die als geeignet erachteten Unterrichtsvarianten erhält, werden die Treatments in T2 entgegengesetzt, also „unpassend“ zugeteilt. Die Auswertung erfolgt regressionsanalytisch. Zur Absicherung gegen Erinnerungs- oder Reifungseffekte gibt es eine (Warte-)Kontrollgruppe, die keines der Treatments erhält und nur an den Testzeitpunkten teilnimmt. Zur Durchführung der Unterrichtseinheit werden die Lehrkräfte intensiv geschult, erhalten standardisierte Materialien sowie Unterrichtsskripte und es erfolgt zusätzlich eine Implementationskontrolle. Als Instrument zur Erfassung der Heterogenitätsvariable dient der Lernstand 5-Test, der Lesegeschwindigkeit und -verständnis misst und jeweils zu Schuljahresbeginn in allen fünften Klassen Baden-Württembergs durchgeführt wird (vgl. IBBW Baden-Württemberg, 2019). Ergänzend wird ein C-Test durchgeführt, der als ökonomisches und reliables Instrument zur Erfassung allgemeiner Sprachfähigkeiten gilt, welche wiederum mit Lesekompetenz und Textverstehen korrelieren (vgl. Grotjahn, 2019; Linnemann, 2017). In Übereinstimmung mit diesen Befunden aus der Forschungsliteratur hat der ausgewählte C-Test in einem Vortest (n = 28) eine hohe Übereinstimmung mit den Ergebnissen des Lernstand 5-Tests gezeigt. Neben den allgemeinen Sprach- und den Lesefähigkeiten werden mögliche Moderatorvariablen wie etwa Selbstwirksamkeitsüberzeugungen erhoben. Zur Erfassung des als abhängige Variable betrachteten themenspezifischen Fachwissens wird in beiden Studien ein entsprechender Prä- und Posttest durchgeführt. Dieser stellt eine Modifikation eines bereits etablierten Instruments zur Messung von Textverständnis dar und beinhaltet offene und geschlossene Verständnisfragen.

Der Fokus der zweiten Teilstudie (ALS-Studie) richtet sich auf die Überprüfung der Wirksamkeit des adaptiven Lernsettings, welches auf der Basis der Ergebnisse der ersten Teilstudie optimiert wird. Nun erhält jede/r SchülerIn die für ihn/sie lernförderlichste Unterrichtsvariante. Dieses differenzierende Lernsetting wird mit einem nicht differenzierenden Lernsetting verglichen, in dem alle Lernenden das gleiche Treatment erhalten. Auch in dieser zweiten Hauptstudie ist eine (Warte-)Kontrollgruppe vorgesehen. Die Zuteilung zu den beiden Lernsettings der Studie erfolgt aufgrund ökologischer Gesichtspunkte klassenweise entsprechend der Matched-Samples-Methode (vgl. Wirtz, 2014).

Im Rahmen der Tagung werden erste empirische Befunde der Pilotierungsphase präsentiert, zum einen die Resultate der qualitativen Erprobung des entwickelten fachspezifischen Sprachfördermaterials, welches mittels Lautem Denken auf Güte und Verständnisschwierigkeiten hin untersucht wurde, und zum anderen die Resultate der in kleineren Stichproben vorgenommenen Sprachtests.

Literatur

Ahrenholz, Bernt/Jeuk, Stefan/Lütke, Beate/Paetsch, Jennifer/ Roll, Heike. (2019). Sprache im fachlichen Unterricht. In Bernt Ahrenholz/Stefan Jeuk/Beate Lütke/Jennifer Paetsch & Heike Roll (Hrsg.), Fachunterricht, Sprachbildung und Sprachkompetenzen (S. 1–16). Berlin, Boston: De Gruyter.

Bernhardt, Markus/Conrad, Franziska. (2018). Sprachsensibler Geschichtsunterricht: Sprachliche Bildung als Aufgabe des Fachs Geschichte. Geschichte Lernen, 31(182), 2–9.

Beese, Melanie/Benholz, Claudia. (2013). Sprachförderung im Fachunterricht: Voraussetzungen, Konzepte und empirische Befunde. In Röhner, Charlotte & Britta Hövelbrinks (Hrsg.), Fachbezogene Sprachförderung in Deutsch als Zweitsprache: Theoretische Konzepte und empirische Befunde zum Erwerb bildungssprachlicher Kompetenzen (S. 37–56). Weinheim, Basel: Beltz.

Bönninghausen, Marion & Winter, Katja. (2012). Lesend lernen! Texte besser verstehen: Ein Trainingsprogramm. Bottrop: Henselowsky Boschmann.

Buck, Thomas Martin. (2019). Geschichte und Sprache: Vom Sach- zum Sprachfach. Geschichte für heute, 1(12), 5–12.

Deunk, Marjolein/Doolaard, Simone/Smale-Jacobse, Annemieke/Bosker, Roel. (2015). Differentiation within and across classrooms: A systematic review of studies into the cognitive effects of differentiation practices. Groningen: Rijksuniversiteit.

Eckerth, Christiane/Resch, Mario. (2016). Sprachsensibler Geschichtsunterricht: Von der geschichtsdidaktischen Theorie über die Empirie zur Unterrichtspraxis [Tagungsbericht]. Abgerufen von https://www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-6810.

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Handro, Saskia. (2016). „Sprachsensibler Geschichtsunterricht“: Systematisierende Überlegungen zu einer überfälligen Debatte. In Wolfgang Hasberg & Holger Thünemann (Hrsg.), Geschichtsdidaktik in der Diskussion: Grundlagen und Perspektiven (S. 265–296). Frankfurt/M.: Peter Lang.

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Kareva, Veronika/Echevarria, Jana. (2013). Using the SIOP model for effektive content teaching with second and foreign language learners. Journal of Education and Training Studies, 2, 239–248.

Linnemann, Markus. (2017). Sprachdiagnose im Unterricht: Grundlagen, Zugänge und Beispiele. In Hartmut Günther/Gabriele Kniffka/Gabriele Knoop & Thomas Riecke-Baulecke (Hrsg.), Basiswissen Lehrerbildung: DaZ unterrichten (S. 149–168). Seelze: Klett Kallmeyer.

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Van Geel, Marieke/Keuning, Trynke/ Frèrejean, Jimmy/Dolmans, Diana/van Merriënboer, Jeroen/Visscher, Adrie. (2018). Capturing the complexity of differentiated instruction. School effectiveness and school improvement, 30(1), 51-67.

Wirtz, Markus Antonius. (2014). Matching, matched groups. In Markus Antonius Wirtz (Hrsg.), Dorsch – Lexikon der Psychologie (S. 1068). Bern: Hogrefe.

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