Historisches Lernen mit Originalen? Zu den Potentialen von Museumsbesuchen im Geschichtsunterricht

Andrea Brait (Universität Innsbruck)

In der Geschichtsdidaktik wurde lange eine verstärkte Beschäftigung mit dem gesellschaftlichen Umgang mit Geschichte gefordert. Es hat einige Zeit gedauert, bis – der Forderung von Jörn Rüsen (Rüsen, 1991, 17) entsprechend, dass die Geschichtsdidaktik die Aufgabe habe, „die Geschichtskultur in allen Einzelheiten und im Gesamtzusammenhang des gesellschaftlichen Lebens zu erforschen“ – geschichtsdidaktische Forschungsprojekte entwickelt wurden, die sich mit dem historischen Lernen außerhalb der Schule, beispielsweise im Museum, befassen (vgl. Schönemann, 2016). In den letzten Jahren „entdeckte“ die Geschichtsdidaktik jedoch den außerschulischen Lernort Museum immer mehr für sich (vgl. u. a. Davies, 2001; Pleitner, 2006; Hartung, 2009; Moisan, 2009; Popp, 2009; Paris, 2010; Marcus, Levine & Grenier, 2012; Bastel & Miklas 2014; Kuhn, Popp, Schumann & Windus, 2014; Leftwich, 2016; Kohler, 2016; Asensio & Pol, 2017; Klingler, 2017; Röttele, 2017; Thyroff, 2017; Martinko & Luke, 2018; Stoddard, 2018; DiCindio, 2019).

Allerdings ist festzustellen, dass sich die meisten Projekte auf das Lernen im Museum konzentrieren. Diesbezüglich ist zu bedenken, dass außerschulische Lernorte keine Alternative zum Unterricht im Klassenzimmer darstellen können. Berit Pleitner (Pleitner, 2012, 294) fordert, dass das Aufsuchen von solchen „fachdidaktisch inspiriert und sinnvoller Bestandteil einer Unterrichtseinheit sein“ sollte. Ein großes Forschungsdesiderat stellt jedoch nach wie vor die Verbindung des Museumsbesuchs mit dem schulischen Geschichtsunterricht dar.

Hier setzt das Habilitationsprojekt „Historisches Lernen zwischen Schule und Museum“ (2015–2020) an, in dem insbesondere die Einbettung von Museumsbesuchen in den Geschichtsunterricht erforscht wird. Darüber hinaus wird untersucht, welche Ziele von Museen und Lehrkräften dabei verfolgt werden, welche Lerngelegenheiten vor während und nach Museumsbesuchen geboten werden sowie auf welche Aspekte Schülerinnen und Schüler ihr Lernen im Museum fokussieren. Die Analyse bezieht sich beispielhaft auf den österreichischen Schulunterricht in der Sekundarstufe sowie die Dauerausstellungen der österreichischen Landesmuseen.

Im Rahmen des Projekts wurden die Leiterinnen und Leiter der Kulturvermittlungsabteilungen1 dieser Museen (n = 9) und Lehrkräfte (n = 85) zu ihren geschichtsdidaktischen Überlegungen im Zusammenhang mit Museumsbesuchen im Geschichtsunterricht als Expertinnen und Experten interviewt. Ziel war die Ermittlung des in ihren alltäglichen sozialen Kontexten erworbenen Handlungswissens (vgl. z. B. Gläser & Laudel, 2010, 9–12). Als Grundlage für die Analyse der Lehr-/Lernprozesse im Klassenraum und in den Museen wurden qualitative nicht-teilnehmende Beobachtungen (vgl. z. B. Huber, 1999, 133; Barricelli & Sauer, 2006; Sauer, 2007; Breidenstein, 2012; Döring & Bortz, 2016, 329) durchgeführt, indem Klassen (n = 11) bei einem Museumsbesuch begleitet wurden sowie die Geschichtsstunde vor und die nach diesen hospitiert wurde. Am Ende der Museumsbesuche wurden außerdem mit einem offenen Impuls-Arbeitsauftrag Performanzen der Lernenden ([n = 202) erhoben. Die Auswertung der erhobenen Daten erfolgte in Form einer strukturierenden qualitativen Inhaltsanalyse (vgl. Kuckartz, 2018, 77–98). Diese Methodentriangulation, deren Einsatz in der deutschsprachigen geschichtsdidaktischen Forschung seit kurzem intensiv diskutiert wird (vgl. Kelle, Kühberger & Bernhard, 2019, 14–17) ermöglicht unterschiedliche Perspektiven auf die Forschungsfragen (vgl. Flick, 2011, 12) und eine Maximierung der „validity of field efforts“ (Denzin, 1977, 310).

Im Vortrag wird genauer auf die Wahrnehmung von Sachquellen im Museum durch die Lernenden eingegangen. Diese Quellengattung wird im Unterricht wenig berücksichtigt, obwohl ihre Vorteile in der Literatur vielfach beschrieben wurden (vgl. z. B. Stadtmüller, 1999; Heese, 2007; Messmer, 2013; Schneider, 2017) und erste empirische Untersuchungen zeigen konnten, dass Schülerinnen und Schüler sie besonders wertschätzen (vgl. Demers, Lefrançois & Ethier, 2015, 42). Außerdem eignen sich Sachquellen besonders gut dazu, dass Lernende eigenständig Fragen generieren, diese zum Ausgangspunkt ihrer Quelleninterpretation machen und auf dieser Basis Geschichte rekonstruieren (Martens, Asbrand & Spieß, 2015, 59 f.). Lehrkräfte fühlen sich jedoch, wie die vorliegende Studie zeigen konnte, aus vielen Gründen kaum in der Lage, Sachquellen im Unterricht zu behandeln (vgl. Brait, 2020 (in Druck)) und sehen in der Auseinandersetzung mit diesen – ebenso wie die im Projekt befragten Kulturvermittlerinnen und ‑vermittler – den zentralen Mehrwert von Museumsbesuchen. Inwiefern Schülerinnen und Schüler Sachquellen jedoch Bedeutung beimessen, wenn sie gefragt werden, was sie bei einem Museumsbesuch gelernt haben, ist abhängig von der Ausrichtung des Unterrichts (inhalts- vs. kompetenzorientiert2; vgl. zur Situation in Österreich z. B. Kühberger, 2016, 93) und der Vermittlungsmethode im Museum (vgl. z. B. Czech, 2014; Urban, 2016). Dies wird im Vortrag anhand von zwei beobachteten Klassen veranschaulicht.3

Literatur

Asensio, Mikel & Pol, Elena. (2017). The Never-ending Story About Heritage and Museums: Four Discursive Models In Mario Carretero/Stefan Berger & Maria Grever (Hrsg.), Palgrave Handbook of Research in Historical Culture and Education (S. 755–780). London: Palgrave Macmillan.

Barricelli, Michele & Sauer, Michael. (2006). Was ist guter Geschichtsunterricht?: Fachdidaktische Kategorien zur Beobachtung und Analyse von Geschichtsunterricht. Geschichte in Wissenschaft und Unterricht, 57(1), 4–25.

Bernhard, Roland & Kühberger, Christoph. (2019). Domänen(un)spezifisch – Empirische Befunde zum Kompetenzverständnis von Geschichtslehrpersonen In Monika Waldis & Béatrice Ziegler (Hrsg.), Forschungswerkstatt Geschichtsdidaktik 17: Beiträge zur Tagung „geschichtsdidaktik empirisch 17“ (S. 119–130). Bern: hep.

Brait, Andrea. (2020 (in Druck)). „Sachquellen, ja, die gehen unter“: Zu den Potentialen einer Quellengattung und den Gründen, die ihren Einsatz im Geschichtsunterricht verhindern In Sebastian Barsch & Jörg van Norden (Hrsg.), Historisches Lernen und Materielle Kultur: Von Dingen und Objekten in der Geschichtsdidaktik. Bielefeld: transcript.

Breidenstein, Georg. (2012). Ethnographisches Beobachten In Heike de Boer & Sabine Reh (Hrsg.), Beobachtung in der Schule – Beobachten lernen (S. 27–44). Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Czech, Alfred. (2014). Methodische Vielfalt in der personalen Museumsvermittlung In Alfred Czech/Josef Kirmeier & Brigitte Sgoff (Hrsg.), Museumspädagogik: Ein Handbuch. Grundlagen und Hilfen für die Praxis (S. 198–224). Schwalbach/Ts.: Wochenschau.

Davies, Ian. (2001). Beyond the classroom: developing student teachers’ work with museums and historic sites. Teaching History, 105, 42–47.

Demers, Stéphanie/Lefrançois, David & Ethier, Marc-André. (2015). Understanding agency and developing historical thinking through labour history in elementary school: A local history learning experience. Historical Encounters, 2(1), 34–46.

Denzin, Norman K. (1977). The Research Act: A theoretical introduction to sociological methods. New York: McGraw-Hill.

DiCindio, Carissa. (2019). The Past in the Present: The Relevancy of the History of Museum Education Today. Journal of Museum Education, 44(4), 342–344.

Döring, Nicola & Bortz, Jürgen. (2016). Forschungsmethoden und Evaluation in den Sozial- und Humanwissenschaften (5. Aufl.). Berlin, Heidelberg: Springer.

Flick, Uwe. (2011). Triangulation: Eine Einführung (3. Aufl.). Wiesbaden: VS Verlag | Springer.

Gläser, Jochen & Laudel, Grit. (2010). Experteninterviews und qualitative Inhaltsanalyse als Instrumente rekonstruierender Untersuchungen (4. Aufl.). Wiesbaden: VS Verlag.

Hartung, Olaf. (2009). Aktuelle Trends in der Museumsdidaktik und ihre Bedeutung für das historische Lernen In Vadim Oswalt & Hans-Jürgen Pandel (Hrsg.), Geschichtskultur: Die Anwesenheit von Vergangenheit in der Gegenwart (S. 153–171). Schwalbach/Ts.: Wochenschau.

Heese, Thorsten. (2007). Vergangenheit „begreifen“: Die gegenständliche Quelle im Geschichtsunterricht. Schwalbach/Ts.: Wochenschau.

Huber, Oswald. (1999). Beobachtung In Erwin Roth/Klaus Heidenreich & Heinz Holling (Hrsg.), Sozialwissenschaftliche Methoden: Lehr- und Handbuch für Forschung und Praxis (5. Aufl.) (S. 126–145). München, Wien: Oldenbourg.

Kelle, Udo/Kühberger, Christoph & Bernhard, Roland. (2019). How to use mixed-methods and triangulation designs: An introduction to history education research. History Education Research Journal, 16(1), 5–23.

Klingler, Felicitas Iris. (2017). Die Relevanz „authentischer Objekte“ in der museumspädagogischen Geschichtsvermittlung In Monika Waldis & Béatrice Ziegler (Hrsg.), Forschungswerkstatt Geschichtsdidaktik 15: Beiträge zur Tagung „geschichtsdidaktik empirisch 15“ (S. 72–86). Bern: hep.

Kohler, Christian. (2016). Schülervorstellungen über die Präsentation von Geschichte im Museum: Eine empirische Studie zum historischen Lernen im Museum. Berlin: LIT.

Kuckartz, Udo. (2018). Qualitative Inhaltsanalyse: Methoden, Praxis, Computerunterstützung (4. Aufl.). Weinheim, Basel: Beltz Juventa.

Kühberger, Christoph. (2016). Historisches Wissen – verschiedene Formen seiner Strukturiertheit und der Wert von Basiskonzepten In Wolfgang Hasberg & Holger Thünemann (Hrsg.), Geschichtsdidaktik in der Diskussion: Grundlagen und Perspektiven (S. 91–107). Frankfurt am Main: Peter Lang.

Kuhn, B., Popp, S., Schumann, J. & Windus, A. (Hrsg.). (2014). Geschichte erfahren im Museum. St. Ingbert: Werner J. Röhrig.

Leftwich, Mariruth. (2016). New Intersections for History Education in Museums. Journal of Museum Education, 41(3), 146-151.

Marcus, Alan S./Levine, Thomas H. & Grenier, Robin S. (2012). How Secondary History Teachers Use and Think About Museums: Current Practices and Untapped Promise for Promoting Historical Understanding. Theory & Research in Social Education, 40(1), 66–97.

Martens, Matthias/Asbrand, Barbara & Spieß, Christian. (2015). Lernen mit Dingen – Prozesse zirkulierender Referenz im Unterricht. Zeitschrift für interpretative Schul- und Unterrichtsforschung, 4, 48–65.

Martinko, Megan & Luke, Jessica. (2018). “They Ate Your Laundry!”: Historical Thinking in Young History Museum Visitors. Journal of Museum Education, 43(3), 245–259.

Messmer, Kurt. (2013). Sachquellen In Markus Furrer & Kurt Messmer (Hrsg.), Handbuch Zeitgeschichte im Geschichtsunterricht (S. 206–221). Schwalbach/Ts.: Wochenschau.

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Paris, Scott G. (Hrsg.). (2010). Perspectives on Object-Centered Learning in Museums. New York, NY: Routledge.

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Pleitner, Berit. (2012). Außerschulische historische Lernorte In Michele Barricelli & Martin Lücke (Hrsg.), Handbuch Praxis des Geschichtsunterrichts: Band 2 (S. 290–307). Schwalbach/Ts.: Wochenschau.

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Röttele, Hannah. (2017). Mensch, Objekt, Objektbegegnung – Eine empirische Studie zum Wahrnehmungsverhalten von Schülerinnen und Schülern bei einem Besuch im Historischen Museum In Monika Waldis & Béatrice Ziegler (Hrsg.), Forschungswerkstatt Geschichtsdidaktik 15: Beiträge zur Tagung „geschichtsdidaktik empirisch 15“ (S. 111–123). Bern: hep, der bildungsverlag.

Rüsen, Jörn. (1991). Geschichtsdidaktik heute – Was ist und zu welchem Ende betreiben wir sie (noch)? In Ernst Hinrichs/Wolfgang Jacobmeyer & Karl-Ernst Jeismann (Hrsg.), Bildungsgeschichte und historisches Lernen (S. 9–23). Frankfurt am Main: Diesterweg.

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Schönemann, Bernd. (2016). Geschichtsbewusstsein und Geschichtskultur In Wolfgang Hasberg & Holger Thünemann (Hrsg.), Geschichtsdidaktik in der Diskussion: Grundlagen und Perspektiven (S. 41–61). Frankfurt am Main: Peter Lang.

Stadtmüller, Winfried. (1999). Sachquellen In Waltraud Schreiber (Hrsg.), Erste Begegnungen mit Geschichte: Grundlagen historischen Lernens. Erster Teilband (S. 391–404). Neuried: Ars Una.

Stoddard, Jeremy D. (2018). Learning History Beyond School: Museums, Public Sites, and Informal Education In Scott Alan Metzger & Lauren McArthur Harris (Hrsg.), The Wiley International Handbook of History Teaching and Learning (S. 631–656). Hoboken, NJ: John Wiley & Sons.

Thyroff, Julia. (2017). Facetten des Denkens im Museum: Aneignungsweisen von Besuchenden der Ausstellung „14/18. Die Schweiz und der Grosse Krieg“. Didacta Historica. Revue Suisse pour l’enseignement de l’histoire(3), 111–117.

Urban, Andreas. (2016). Geschichtsvermittlung im Museum In Ulrich Mayer/Hans-Jürgen Pandel & Gerhard Schneider (Hrsg.), Handbuch Methoden im Geschichtsunterricht: Klaus Bergmann zum Gedächtnis (5. Aufl.) (S. 370–389). Schwalbach/Ts.: Wochenschau Verlag.


  1. Zum Selbstverständnis vgl. Österreichischer Verband der KulturvermittlerInnen (o. D.).↩︎

  2. Im Lehrplan der Sekundarstufe I ist die Kompetenzorientierung, konkret das FUER-Kompetenzmodell, schon seit 2008 verankert; die Lehrpläne für die verschiedenen Schultypen der Sekundarstufe II folgten nach und nach. Studien zeigen jedoch, dass das Kompetenzverständnis der österreichischen Geschichtslehrkräfte weitgehend als fach- bzw. domänenunspezifisch zu beschreiben ist (vgl. z. B. Bernhard & Kühberger, 2019).↩︎

  3. AHS_Wien_B wurde inhaltsorientiert unterrichtet und hatte im Museum keine Gelegenheit, eigenständig Objekte zu beschreiben, zu analysieren und zu interpretieren. Nur drei von 25 Lernenden (12 %) fokussieren in ihren Texten auf Sachquellen. AHS_Tirol_C wurden im Gegensatz dazu kompetenzorientiert unterrichtet und erhielt im Museum ein Arbeitsblatt der Lehrkraft. Von den 19 Lernenden beschäftigen sich acht (42 %) in den Performanzen hauptsächlich mit den Museumsobjekten; weitere sieben (37 %) schreiben in erster Linie über Objekte in Kombination mit dem Museum und seiner Geschichte, was in der Klasse AHS_Wien_B gar nicht vorkam.↩︎

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