Historisches Erklären untersützen. Eine Interventionsstudie zur Untersuchung der Wirksamkeit sprachlicher und fachlicher Hilfen auf die historischen Erklärungen von Schüler*innen1

Christoph Bramann und Nicola Brauch (Ruhr-Universität Bochum)

Theoretischer Hintergrund und Fragestellung

Historische Entwicklungen plausibel erklären zu können ist eine grundlegende Ausdrucksform historischen Denkens (Rüsen, 2013; Seixas & Morton, 2013; van Drie & van Boxtel, 2008). Historisches Erklären kann als Analyse historischer Handlungen, Ereignisse und Zustände auf Grundlage einer zeitlichen Abfolge von Ereignissen begriffen werden, bei der kausale Beziehungen zwischen Ursachen und Folgen hergestellt werden (Chapman, 2017; Welskopp, 2002; Wenzel, 2016). Dabei wird angenommen, dass historisches Lernen von einer Aufgabenkultur profitiert, die fachlich-epistemisches und (fach-)sprachliches Lernen miteinander verknüpft (Handro, 2018; van Drie, van Boxtel, & Braaksma, 2014). Studien zeigen jedoch, dass Schüler:innen mit der Versprachlichung historischer Zusammenhänge teilweise große Schwierigkeiten haben (Chapman, 2003, 2017; Coffin, 2006). Konkrete Ansätze zur Entwicklung fachsprachunterstützender Hilfen zur Verbesserung der Kompetenz historischen Erklärens existieren jedoch erst in Ansätzen (Mierwald & Brauch, 2015; Seixas & Morton, 2013; Stoel, van Drie & van Boxtel, 2015; Woodcock, 2005). Vor diesem Hintergrund untersucht der Beitrag anhand einer qualitativen Interventionsstudie, inwiefern sich die Anwendung spezifischer Unterstützungsmaßnahmen auf die Qualität historischer Erklärungen von Schüler:innen auswirken kann und welche Art Hilfen dabei qualitativ und quantitativ besonders hervorstechen.

Methode und Vorgehen

Für die Entwicklung der Unterstützungsmaßnahmen wurden verschiedene epistemologische Bestandteile einer historischen Erklärung identifiziert und anschließend in fachliche Hilfen (Erläuterung epistemologischer Aspekte) und sprachliche Hilfen (einzelne Wortgruppen als Formulierungshilfe) transformiert. Auf dieser Basis wurden drei verschiedene Interventionsmaßnahmen entwickelt, um einen möglichen unterschiedlichen Einfluss verschiedener Arten von Hilfen aufzeigen zu können: (a) fachliche Hilfen, (b) sprachliche Hilfen, sowie (c) fachliche und sprachliche Hilfen. Die Interventionsstudie wurde im Frühjahr 2019 am Alfried Krupp Schülerlabor der Ruhr-Universität Bochum durchgeführt. Insgesamt nahmen 80 Schüler:innen (M = 16.39; SD = 1.0; 40 weiblich) im Alter zwischen 14 und 18 Jahren teil.2 Die Umsetzung erfolgte im Rahmen eines Projekttages, an dem die Schüler:innen an die Erstellung eines Erklärvideos (Drehbuch und Video) zu «Ursachen des Ausbruchs der Französischen Revolution» herangeführt werden sollten. Hierzu wurde den Schüler:innen zuerst eine prototypische Erklärung in Form eines hierfür erstellten Erklärvideos als «Sprachbad» (Leisen, 2015, 259f.) präsentiert, bevor sie anschließend mithilfe von zur Verfügung gestelltem Material (Kinder et al., 2017, 295) eigene Erklärvideo-Drehbücher erstellen sollten (Prä-Intervention). Danach wurden drei Interventionsgruppen gebildet, in denen die Schüler:innen ihre Erklärungen anhand der entwickelten Hilfen überarbeiten sollten (Post-Intervention). Um die Verwendung der Unterstützungsmaßnahmen offenlegen und bewerten zu können, werden die Drehbücher aus der Prä-Intervention und die überarbeiteten Fassungen aus der Post-Intervention im Frühjahr 2020 anhand eines hierfür deduktiv und induktiv entwickelten fachspezifischen Kategorienrasters im Rahmen einer qualitativen Inhaltsanalyse codiert und durch Vergleich ausgewertet (Kuckartz, 2016). Die Ergebnisse werden dabei sowohl vor den Hintergrund möglicher Gruppendynamiken als auch soziodemographischer Daten der Schüler:innen interpretiert, um mögliche Korrelationen auf fachliche und sprachliche Kompetenzen sichtbar zu machen. Die Reliabilität der Ergebnisse wird anhand eines Kappa-Koeffizienten (κ) quantifiziert.

Erste Ergebnisse und Schlussfolgerungen

Die Unterstützungsmaßnahmen kamen innerhalb jeder Lerngruppe und jeweils zu etwa gleichen Teilen zum Einsatz, sodass insgesamt eine Intervention von n fach = 26, n sprach = 27 und n fach & sprach = 27 erfolgte. Eine erste Sichtung des Materials zeigt, dass in allen drei Interventionsgruppen sowohl sprachliche als auch fachliche Veränderungen in den überarbeiteten Drehbüchern festgestellt werden können, die vermutlich auf die zur Verfügung gestellten Hilfen zurückzuführen sind. Stichprobeanalysen zeigen zudem, dass die anstehende Gesamtanalyse sowohl Einblicke in spezifische beim historischen Erklären ablaufende historische Denkprozesse, als auch Hinweise zu Herausforderungen bei der sprachlichen Explikation dieser Prozesse erwarten lässt, und damit einen Beitrag zur Entwicklung fach-(sprach)licher Lernhilfen für das Fach Geschichte leisten kann. Neben theoretischen und methodischen Einblicken in das Erhebungs- und Interventionsinstrument sollen in der Präsentation ausgewählte Analyseergebnisse vorgestellt und anhand exemplarischer Beispiele Möglichkeiten zur Entwicklung fachsprachlicher Lernhilfen für spezifische Aspekte historischen Erklärens expliziert und diskutiert werden.

Auswahlbibliographie

Chapman, Arthur (2003). Camels, diamonds and conterfactuals. A model for teaching causal reasoning, Teaching History, 112, 46–53.

Chapman, Arthur (2017). Causal explanation. In I. Davies (Ed.), Debates in subject teaching series. Debates in history teaching (2. Aufl., S. 130–143). New York: Routledge.

Coffin, Caroline (2006). Historical discourse: The language of time, cause and evaluation. Continuum discourse series. London: Continuum.

Handro, Saskia (2018). Sprachbildung im Geschichtsunterricht. Leerformel oder Lernchance? In Katharina Grannemann, Sven Oleschko, & Christian Kuchler (Hrsg.), Sprachbildung im Geschichtsunterricht: Zur Bedeutung der kognitiven Funktion von Sprache (S. 13–41). Münster, New York: Waxmann Verlag.

Kinder, Hermann, Hilgemann, Werner & Hergt, Manfred (2017). dtv Atlas Weltgeschichte, Bd. 2, 44. Aufl., München: Beck.

Kuckartz, Udo. (2016). Qualitative Inhaltsanalyse: Methoden, Praxis, Computerunterstützung (3., überarb, Aufl.). Grundlagentexte Methoden. Weinheim, Basel: Beltz Juventa.

Leisen, Josef (2015). Fachliches und sprachliches Lernen im sprachsensiblen Fachunterricht. In H. Drumbl & A. Hornung (Eds.), IDT 2013/1 Hauptvorträge (S. 249–274). Bozen: Bozen-Bolzano University Press.

Mierwald, Marcel, & Brauch, Nicola (2015). Historisches Argumentieren als Ausdruck historischen Denkens. Theoretische Fundierung und empirische Annäherungen. Zeitschrift für Geschichtsdidaktik, 14, 104–120.

Rüsen, Jörn (2013). Historik: Theorie der Geschichtswissenschaft. Köln: Böhlau.

Seixas, Peter, & Morton, Tom (2013). The big six: Historical thinking concepts. Toronto: Nelson Education.

Stoel, Gerhard, van Drie Jannet & van Boxtel, Carla (2015). Teaching towards historical expertise. Developing a pedagogy for fostering causal reasoning in history. Curriculum Studies, 47(1), 49–76.

Van Drie, Jannet, & van Boxtel, Carla (2008). Historical Reasoning: Towards a Framework for Analyzing Students’ Reasoning about the Past. Educational Psychology Review, 20(2), 87–110.

Van Drie, Jannet, van Boxtel, Carla, & Braaksma, Martine (2014). Writing to Engage Students in Historical Reasoning. In Carmen Gelati, Lori C. Kirkpatrick, Perry D. Klein, & Pietro Boscolo (Hrsg.), Studies in writing: volume 28. Writing as a learning activity (S. 94–119). Leiden, Boston: Brill.

Welskopp, Thomas (2002). Erklären. In S. Jordan (Ed.), Lexikon Geschichtswissenschaft: Hundert Grundbegriffe (S. 81–84). Stuttgart: Reclam.

Wenzel, Birgit (2016). Geschichte erklären. In R. Vogt (Ed.), Stauffenburg Linguistik: Band 52. Erklären: Gesprächsanalytische und fachdidaktische Perspektiven (2. Aufl.., S. 169–187). Tübingen: Stauffenburg.

Woodcock, James (2005). Does the linguistic release the conceptual? Helping Year 10 to improve their causal reasoning. Teaching History, 119, 5–14.


  1. Das hier berichtete Teilprojekt wurde in einer interdisziplinären Arbeitsgruppe an der Ruhr-Universität Bochum entwickelt (Lena Heine, Lisa Otto (Sprachbildungsforschung); Heiko Krabbe, Carina Wöhlke (Physikdidaktik); Nicola Brauch, Christoph Bramann (Geschichtsdidaktik).↩︎

  2. Es handelte sich um vier Lerngruppen: die 9. Klasse eines Gymnasiums (n=23) sowie drei Klassen der 11. Jahrgangsstufe verschiedener Gesamtschulen (n=57) aus Nordrhein-Westfalen.↩︎

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