Historisches Denken in der Grundschule – Eine empirische Untersuchung der epistemologisch methodischen Präkonzepte von Grundschulkindern am Ende der Primarstufe

Niklas Brüntink und Mario Resch (PH Heidelberg)

In diesem Vortrag wird eine Studie vorgestellt, die die historisch epistemologischen Präkonzepte von Grundschulkindern erforscht und nach deren Einsicht in Grundprinzipien historischer Erkenntnisgewinnung fragt. Das empirische Vorgehen folgt dabei der grundlegenden Fragestellung, inwiefern Schülerinnen und Schüler am Ende der Grundschulzeit über ein Verständnis der im narrativistischen Geschichtsverständnis zentralen Prinzipien von Konstruktivität und Perspektivität verfügen. Die Exploration einschlägiger epistemologischer Schülerkonzepte geschieht im Rahmen eines Untersuchungssettings, das eine exemplarisch gegenstandsbezogene Reflexion über basale Prinzipien und die Natur des historischen Erkenntnis- und Wissensprozesses initiiert.

Die Erhebung bewegt sich somit im Forschungsgebiet der epistemologischen Kognition, dem in besonderem Maße die angloamerikanische Forschung Aufmerksamkeit gewidmet hat. Einschlägige theoretische Bemühungen richten den Fokus auf Stufenmodelle, die die Entwicklung des epistemologischen Denkens als stufenweisen Prozess beschreiben, dessen Entwicklungsphasen mit charakteristischen Merkmalen des epistemologischen Verständnisses korrespondieren (King & Kitchener, 2002, 37-43, Kuhn & Weinstock, 2002, 121-140; Maggioni, VanSledright & Alexander, 2009, 187-213). Als gemeinsame Essenz der Stufenmodelle kristallisiert sich nach Kuhn & Weinstock (2002, 123) die wandelnde mentale Koordination der subjektiven und objektiven Dimension des Wissens: Während zunächst die objektive Wissensdimension im Glauben an absolutes Wissen und an die Zugänglichkeit unmittelbarer Realität dominiert, erschüttert die Entdeckung der subjektiven Wissensdimension diese Überzeugung fundamental und ersetzt das Konzept objektiven und absoluten Wissens durch ein solches, das demgegenüber Unsicherheit und Limitation zu Generalkriterien des Wissens erhebt. Die Reintegration der objektiven Wissensdimension kennzeichnet im Sinne der Stufenmodelle die Schwelle zu höheren Stufen des epistemologischen Denkens, das in der Balance der Dimensionen den kriterial fundierten Vergleich divergenter Aussagen und Theorien ermöglicht.

Des Weiteren fungieren der „Perspektivrahmen Sachunterricht“ („Die historische Perspektive“) (GDSU, 2013, 56-62) sowie das FUER-Kompetenzmodell (Körber, Schreiber & Schöner, 2007) als theoretische Grundlage. Beide Modelle, denen ein konstruktivistisch narrativistisches Geschichtsverständnis zugrunde liegt, formulieren Kompetenzen, die einen Einblick in den Konstruktcharakter von Geschichte bedingen. So beinhaltet der Perspektivrahmen die Kompetenzen, „auf Grundlage von Perspektivität [zu] schließen, dass Quellen und Darstellungen nicht als neutrale Information, sondern immer kritisch betrachtet werden müssen“ und „unterschiedliche Aussagen in Quellen auf unterschiedliche Interessen, Erfahrungen, Wissen etc. zurückzuführen sind“ (GDSU, 2013, 60). Das Forschungsprojekt „HisDeKo“ (Becher & Gläser, 2018, 75-88) folgte einer vergleichbaren Fragestellung, konzentrierte sich aber im Gegensatz zu der hier vorgestellten Studie auf den Bereich des Anfangsunterrichts der Primarstufe. Auch eine von Monika Fenn (2018, 157-199) vorgestellte explorative Interventionsstudie widmete sich den Basiskonzepten von Grundschülerinnen und Grundschülern, während Beate Sodian (2018, 140-145) im globaleren Blick das allgemeine Niveau des Wissenschaftsverständnisses von Primarkindern untersuchte.

Theoriebasiert wurden für die Studie folgende Fragen generiert:

  • Erkennen Grundschulkinder, dass Geschichtsschreibung auf Quellen angewiesen ist und stets als narratives Konstrukt zutage tritt?
  • Vertrauen die jungen Geschichtslernenden auf eine absolute Aussagefähigkeit von Geschichte oder erkennen sie den Prozess der mittelbaren Rekonstruktion unter Berücksichtigung von Perspektivität?

Die Erhebung wurde mit Viertklässlerinnen und Viertklässlern (N=16, davon 7 weiblich) an einer Grundschule in Heidelberg durchgeführt. Die Wahl der Altersgruppe erscheint sinnvoll, da ein resümierender Blick auf die Grundschulzeit geboten und gleichzeitig die Ausgangslage vor dem Übergang zur Sekundarstufe exemplarisch erfahrbar gemacht wird. Das methodische Vorgehen der Erhebung folgt einem qualitativen, querschnittlichen Untersuchungsdesign, das die Präkonzepte der Probandinnen und Probanden in einem halbstandardisierten Verfahren exploriert. Die Erhebung erfolgt zweischrittig und teilt sich in einen schriftlichen Befragungsteil und mündliche Einzelinterviews. Da eine gänzlich abstrakte Besprechung der Thematik im Grundschulkontext problematisch erscheint, dient die steinzeitliche Felsformation Stonehenge als inhaltlich exemplarischer Ausgangspunkt für die Erforschung der Präkonzepte. Trotz des konkret inhaltlichen Beispiels gilt der Fokus stets den epistemischen Konzepten der Schülerinnen und Schüler. Stonehenge übernimmt die Funktion der exemplarischen Illustration und wird nicht zum eigentlichen Kern der Untersuchung. Die Wahl eines inhaltlichen Gegenstands, der sich der Erlangung abschließender Erkenntnis und Klärung entzieht („problems that offer no unique solution“/„ill-structured problems“, Maggioni et al., 2009, 191), ermöglicht die Besprechung derartiger epistemologischer Strukturbedingungen in der Analogie zu den Besonderheiten der Arbeitsweise eines Historikers/einer Historikerin. Die einschlägigen Fragen thematisieren den Konstruktcharakter von Geschichte, den Stonhenge potenziell erfahrbar macht, schließlich existieren divergente Theorien zur Nutzung und Bedeutung der Felsformation. Die quellenbezogenen Wissensstrukturen der Kinder werden beleuchtet, indem die Bedeutung von Quellen thematisiert und nach verschiedenen Quellenarten gefragt wird. Darüber hinaus wird das Verhältnis von Vergangenheit und Geschichte problematisiert. An dieser Stelle soll explorativ erkundet werden, ob Kinder den Sachverhalt, dass Historikerinnen und Historiker trotz des gemeinsamen Anspruchs der Wahrheitsfindung potenziell unterschiedliche Vergangenheitskonstruktionen und Theorien entwickeln, verstehen und einordnen können. Die Formulierungen der Fragestellungen folgen dem Anspruch, die historischen Konzepte auf einem kindgemäßen sprachlichen Komplexitätsniveau zu kommunizieren, dabei jedoch nicht einer Tendenz der inhaltlich verfälschenden Simplifizierung zu unterliegen. Die rund zehnminütigen Einzelinterviews basieren auf der individuellen Bearbeitung des schriftlichen Erhebungsteils und vertiefen die Inhalte abhängig vom individuellen Gesprächsverlauf.

Die Befunde deuten darauf hin, dass Grundschülerinnen und Grundschüler am Ende der Primarstufe ein überwiegend valides und breit gefächertes Kompetenzspektrum in Bezug auf epistemologisch methodische Basiskonzepte aufweisen. Der Anteil von Misskonzeptionen erwies sich als äußerst gering. Die niedrigsten Stufen der anfangs erwähnten Stufenmodelle („prereflective period“, King & Kitchener, 2002, 39; „realist/absolutist“, Kuhn & Weinstock, 2002, 124; „copier-stance“, Maggioni et al., 194) scheinen überwunden, die erste wichtige Entwicklungsschwelle zur Entdeckung der subjektiven Wissensdimension überschritten. Die Viertklässlerinnen und Viertklässler zeigten valide und teils elaborierte Verstehens- und Denkleistungen, die nach Sodian (2018, 138-139) auf ein differenziertes Wissenschaftsverständnis schließen lassen. So tätigte die Mehrheit der Kinder schriftliche oder mündliche Aussagen, die den Konstruktcharakter von Geschichte betreffen und Wissenschaft als dynamischen Prozess der Theoriebildung beschreiben. Fast alle Probandinnen und Probanden erkannten die Bedeutung von Quellen und waren in der Lage, mindestens eine adäquate Quellenart zu benennen. Insgesamt ergab sich ein breites Quellenspektrum, das eine signifikante Häufung im Bereich gegenständlicher Quellen zeigte. Obwohl vom Untersuchungsdesign nicht gezielt konzeptionell vorgesehen, reflektierten vereinzelte Schülerinnen und Schüler konstitutive Geschichtsaspekte wie Partikularität und Retrospektivität. Im Bereich der Kompetenzen zum Umgang mit Quellen ergeben sich große Schnittmengen zu den Befunden des „HisDeKo-Projekts. Monika Fenns Studie zu epistemologischen Basiskonzepten ließ erkennen, dass es Kindern zunächst schwer fällt, adäquate Quellen zur Rekonstruktion eines historischen Phänomens zu nennen, da es erst nach gezielter Intervention gelang, eine Spannbreite unterschiedlicher Quellenarten zusammenzutragen (Fenn, 2018, 176-177). Trotz unterschiedlicher Untersuchungsdesigns birgt die hier vorgestellte Studie positivere Befunde. Insgesamt weisen diese darauf hin, dass das historische Denken der Schülerinnen und Schüler an der Schwelle vom Primar- zum Sekundarbereich elaborierte epistemologisch methodische Denk- und Erkenntnisprozesse ermöglicht.

Literatur

Becher, Andrea & Gläser, Eva. (2018). Präkonzepte von Grundschulkindern zur historischen Methodenkompetenz: Zentrale Ergebnisse des Forschungsprojekts „HisDeKo“. In Monika Fenn (Hrsg.), Frühes historisches Lernen: Projekte und Perspektiven empirischer Forschung (S. 75-88). Frankfurt am Main: Wochenschau.

Fenn, Monika. (2018). Conceptual change von Vorstellungen über epistemologische Basiskonzepte bei Grundschülerinnen und -schülern fördern? Ergebnisse einer explorativen Interventionsstudie. In Monika Fenn (Hrsg.), Frühes historisches Lernen: Projekte und Perspektiven empirischer Forschung (S. 146-199). Frankfurt am Main: Wochenschau.

Gesellschaft für Didaktik des Sachunterrichts. (2013). Perspektivrahmen Sachunterricht. Bad Heilbrunn: Julius Klinkhardt.

Körber, Andreas/Schreiber, Waltraud & Schöner, Alexander. (2007). Kompetenzen historischen Denkens: Ein Strukturmodell als Beitrag zur Kompetenzorientierung in der Geschichtsdidaktik. Neuried: ars una.

Kuhn, Deanna & Weinstock, Michael. (2002). What Is Epistemological Thinking and Why Does It Matter? In Barbara K. Hofer & Paul R. Pintrich (Hrsg.), Personal Epistemology: The Psychology of Beliefs About Knowledge and Knowing (S. 121-140). Mahwah: Erlbaum.

M. King, Patricia & Strohm Kitchener, Karen. (2002). The Reflective Judgment Model: Twenty Years of Research on Epistemic Cognition. In Barbara K. Hofer & Paul R. Pintrich (Hrsg.), Personal Epistemology: The Psychology of Beliefs About Knowledge and Knowing (S. 37-61). Mahwah: Erlbaum.

Maggioni, Liliana/VanSledright, Bruce & A. Alexander, Patricia. (2009). Walking on the Borders: A Measure of Epistemic Cognition in History. The Journal of Experimental Education 77 (3), 187-213.

Sodian, Beate. (2018). Entwicklung und Förderung von Wissenschaftsverständnis bei Kindern im Grundschulalter. In Monika Fenn (Hrsg.), Frühes historisches Lernen: Projekte und Perspektiven empirischer Forschung (S. 134-145). Frankfurt am Main: Wochenschau.

×