Kenntnisse von Bildikonen des 20. Jahrhunderts als Ausdruck des Geschichtsbewusstseins?
Eine empirische Untersuchung historischer Kenntnisforschung bei Studierenden des Lehramts Geschichte

Daniel Fastlabend und Johannes Meyer-Hamme (Universität Paderborn)

Das 20. Jahrhundert wird auch als das „Jahrhundert der Bilder“ (Paul, 2009) bezeichnet. Nicht nur waren Bilder allgemein im Alltag leichter zugänglich als je zuvor, sondern bestimmte Bilder entwickelten sich durch die mediale Verbreitung darüber hinaus zu Ikonen. Dies gilt insbesondere für Photographien, denen wegen ihrer vermeintlichen Objektivität häufig ein hoher Stellenwert zugeschrieben wird. Der hier dargelegten Studie liegt einerseits die These zu Grunde, dass sich diese Bilder besonders gut eignen, um historische Kenntnisse zu erfassen, weil sie in der Geschichtskultur präsent sind und zum Erzählen anregen. Dabei ist auch zu diskutieren, wie der Begriff Historisches Wissen (Kühberger, 2012) weiter zu schärfen ist. Andererseits liegt der Studie die Erfahrung zu Grunde, dass längst nicht alle Bilder, die wegen ihrer medialen Verbreitung als Ikonen bezeichnet werden, auch Studierenden bekannt sind, und bei den bekannten Bildern durchaus unterschiedliche Deutungen geäußert werden. Daran schließen sich didaktische Fragen zum historischen Lernen mit Bildern an.

Historische Kenntnisforschung, in Abgrenzung zu historischer Kompetenz-, Sozialisations- oder Einstellungsforschung (Meyer-Hamme, 2016) dient dazu, Aussagen über die Beschaffenheit des Geschichtsbewusstseins machen zu können, die in Kombination, keineswegs aber als dominante Forschungsperspektive erfolgen sollte (wie bei Schröder et al., 2012). Sie erfolgt häufig über geschlossene Items und oftmals stehen die Ergebnisse in starkem Kontrast zu den curricularen Anforderungen (z.B.: Boßmann, 1977; Borries, 1995; Schröder et al., 2012), weswegen sie als Dokumentation eines breiten Nicht-Wissens interpretiert werden (Meyer-Hamme, angenommen).

Im Vortrag stellen wir eine Befragung von Studierenden des Lehramts Geschichte vor (N = 353, von drei Standorten), in der sie mittels eines halboffenen Fragebogens aufgefordert wurden, sich zu 12 Bildern, die bei G. Paul als Bildikonen des 20. Jahrhunderts bezeichnet werden, zu äußern, inwiefern sie ihnen bekannt sind. Die Daten wurden inhaltsanalytisch mit MaxQDA ausgewertet (Kuckartz, 2016), so dass die Ergebnisse ebenfalls quantifiziert werden können. Das genauere Vorgehen wird im Vortrag vorgestellt. Ausgehend davon soll ebenfalls der Stellenwert dieser Forschungsperspektive im Konkreten und im Allgemeinen sowie grundlegend der Ansatz historischer Kenntnisforschung in ihrer Uneindeutigkeit und Vielfältigkeit zur Diskussion gestellt werden.

Literaturliste

Borries, Bodo von. (1995). Das Geschichtsbewußtsein Jugendlicher. Erste repräsentative Untersuchung über Vergangenheitsdeutungen, Gegenwartswahrnehmungen und Zukunftserwartungen von Schülerinnen und Schülern in Ost- und Westdeutschland. Weinheim: Juventa.

Boßmann, Dieter. (1977). „Was ich über Adolf Hitler gehört habe…“ Auszüge aus 3042 Aufsätzen von Schülern und Schülerinnen aller Schularten der Bundesrepublik Deutschland. Frankfurt/a. M.: Fischer.

Kuckartz, Udo. (2016). Qualitative Inhaltsanalyse. Methoden, Praxis, Computerunterstützung. Weinheim: Juventa.

Kühberger, Christoph. (2012). Historisches Wissen. Geschichtsdidaktische Erkundung zu Art, Tiefe und Umfang für historisches Lernen. Schwalbach/ Ts.: Wochenschau.

Meyer Hamme, Johannes. (angenommen). Von der Diskrepanz eines gefühlten Informiertseins und geringer historischer Kenntnisse zum Nationalsozialismus. Anmerkungen zu empirischen Studien. In Thomas Sandkühler (Hrsg.), Der Nationalsozialismus (Bd. 3.)

Meyer-Hamme, Johannes. (2016). Im Spannungsfeld historischer Uneindeutigkeit, notwendiger Exaktheit und sozialer Erwünschtheit. Eine Re-Analyse von Fragebogen- und Testkonstruktionen in quantitativen Studien zum Geschichtsbewusstsein und historischem Lernen. In Holger Thünemann & Meik Zülsdorf-Kersting (Hrsg.), Methoden geschichtsdidaktischer Unterrichtsforschung (S. 89-113). Schwalbach/Ts.: Wochenschau.

Paul, Gerhard. (2009). Das Jahrhundert der Bilder. Göttingen: Vandenhoeck& Ruprecht.

Schroeder, Klaus/Deutz-Schroeder, Monika/Quasten, Rita & Schulze Heuling, Dagmar. (2012). Später Sieg der Diktaturen? Zeitgeschichtliche Kenntnisse und Urteile von Jugendlichen. Frankfurt a. M.: Peter Lang.

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