Beschaffenheit von professionellem Fachwissen angehender Geschichtslehrkräfte im Bachelor-Studium – empirische Erhebung und Ergebnisse eines Wissenstests

Monika Fenn (Universität Potsdam)

Theoretischer Hintergrund

Ziel des Projektes1 ist die empirische Erhebung des professionellen Fachwissens angehender GeschichtslehrerInnen. Auf die COACTIV-Studie für Mathematik-Lehrkräfte zur Lehrprofessionalität (Baumert et al., 2011) hinsichtlich des Fach- und Fachdidaktischen Wissens entstanden erste Studien im geschichtsdidaktischen Bereich (Basel, 2011; Fenn, 2011; Husbands, 2011; Kanert & Resch, 2014; Waldis et al., 2014; Brauch et al., 2014; Fenn, 2015; Schroer, 2015; Litten, 2017). Inzwischen liegen drei Modelle zum professionellen Fachwissen von Geschichtslehrkräften vor (Heuer, Resch & Seidenfuß, 2017; Waldis, 2019; Fenn & Urban, 2020). In den groß angelegten interdisziplinären natur- und geisteswissenschaftlichen Forschungsprojekten steht die empirische Prüfung einerseits des Fachdidaktischen Wissens von Geschichtslehrkräften im Fokus (EKoL: Resch & Seidenfuß, 2018, aus FALKO entsteht FALKE unter Beteiligung der Domäne Geschichte, Krauss et al., 2017) und des Fachwissens andererseits (PSI-Geschichte Fenn & Seider, 2017; Woehlecke et al., 2017; Resch et al. 2019; Barsch & Barte 2019). Das Forscherinnenteam von PSI-Geschichte entwickelte ein Fachwissensmodell „erweitertes Fachwissen für den schulischen Kontext (kurz eFWsK) Geschichte“ (Fenn & Urban, 2020). Das besondere, strukturelle Fachwissen eFWsK ist eine berufsspezifische Form neben dem universitären und Schulfachwissen (Heinze et al., 2016) und hat– zumindest im Fachbereich Physik – eine starke vermutete Prädiktorwirkung auf Fachdidaktisches Wissen (Riese, 2009). Auch wenn Modelle existieren, ist bislang ungeklärt, über welchen Fachwissensstand Geschichtslehramtsstudierende tatsächlich verfügen.

Bei der Konstruktion von Wissen besteht ein empirisch nachgewiesener Zusammenhang zwischen Relevanzwahrnehmung des Lerners als Teilkonstrukt von Motivation und Lerneffekt (z.B. Murayama et al., 2012). Die Wahrnehmung einer persönlichen Bedeutung eines Lerninhaltes lässt sich über Interventionen mit Reflexionsanteilen fördern (Priniski et al., 2018, 12). Eine Kohärenz ist für den Erwerb von Fachwissen bei Geschichts(lehramts)studierenden bislang noch nicht nachgewiesen. Die angezeigten Lücken möchte das zu präsentierende Projekt schließen.

Design

Das ForscherInnenteam PSI-Geschichte entwickelte einen Fachwissentest auf Basis des Fachwissensmodells eFWsK Geschichte“ (Fenn & Urban, 2020) und pilotierte diesen bei Geschichtslehramtsstudierenden in einem Pre-Posttestverfahren vor und nach einer Überblicksvorlesung zum Mittelalter (Wintersemester 2016/17; 2017/18; 2019/20). Im Wintersemester 2019/20 integrierte das Team eine Intervention in die Lehrveranstaltung. Diese fand in Form eines online-Tutorials statt, das digitale Tools zum Fachwissen mit Berufsfeldbezügen enthielt, um Studierenden die Relevanz des Fachwissens einsichtig zu machen.

Fragestellung

Im Rahmen der gde20 sollen folgende Forschungsfragen, basierend auf den Erkenntnissen aus der Pilotierung des Wissenstests, beantwortet werden:

  1. Lässt sich die Beschaffenheit des eFWsK von angehenden Geschichtslehrkräften

    • über einen Fachwissenstest qualitativ und quantitativ erheben?

    • in fachwissenschaftlichen, d.h. schulunspezifischen Veranstaltungen für Lehramts- und Nichtlehramtsstudierende, nachweisbar aufbauen?

  2. Ist eine Kohärenz zwischen der Relevanzeinschätzung der Studierenden von Fachwissen und dem tatsächlichen Aufbau von eFWsK erkennbar?

Methode und Stichprobe

Für die Erhebung des eFWsK von Bachelor-Studierenden konzipierte das ForscherInnenteam auf der Grundlage des PSI-Geschichte-Modells des eFWsK und erster Erkenntnisse aus einer Delphi-Befragung von ExpertInnen (Fenn & Seider, 2017) einen Fachwissenstest mit 25 operationalisierten, überwiegend offenen Items und geschlossenen Formen. Um abhängig vom Studiengang der Bachelor-Studierenden den schulbezogenen Wissensaufbau vergleichen zu können, nahmen neben Lehramtsstudierenden auch Nicht-Lehramtsstudierende am Wissenstest teil. Im Rahmen der Pre-Post-Erhebung wurde ein Paper-Pencil-Test vor und nach einer Überblicksvorlesung zum Mittelalter in einer Zeitspanne von jeweils 60 bis 90 Minuten im Wintersemester 2016/17 (n = 53) und 2017/18 (n = 72) eingesetzt. Im Wintersemester 2019/20 (n = 48) wurde ein weiterer online-Test mit sieben der zuvor eingesetzten und validierten offenen und geschlossenen Items in Form eines Pre-Post-online-Tests erhoben und mit einer zusätzlichen quantitativen und qualitativen Relevanzeinschätzung seitens der Studierenden verbunden. Dadurch sollen Rückschlüsse auf den Zusammenhang zwischen dem Fachwissens-Niveaustufen-Aufbau und der subjektiv wahrgenommenen beruflichen Bedeutsamkeit möglich sein.

Datenanalyse

Die Analyse der gewonnenen Daten erfolgte im Sinne des Mixed-Methods-Paradigmas in einer Kombination aus quantitativen und qualitativen Auswertungsverfahren (Bortz/Döring 2016, 73. Das Forscherinnenteam nutzte eine inhaltlich strukturierende Inhaltsanalyse für alle offenen Fragenformate über das Programm MAXQDA (Kuckartz, 2018, 97-110). Für die Validierung wurden die Antworten aus den geschlossenen Items zum universitären Wissen mit den Ergebnissen der offenen Aufgabenformate verglichen. Als Auswertungsrahmen entwickelt das Team induktiv-deduktiv ein Kategoriensystem, das erlaubt, Aussagen über Niveaustufen des erreichten Fachwissens zu treffen.

Anhand exemplarischer Item-Resultate erläutern die Vortragenden im Rahmen der Tagung sowohl das methodische Auswertungsverfahren mit der Konstrukt- und Kriteriumsvalidierung und den konkreten Kodierkategorien als auch weiterführende Überlegungen für den Einsatz eines allgemein zu konzipierenden Testinstruments im Fach Geschichte.

Vorergebnisse und Ausblick

Erste Analysen zeigen, dass sich das eFWsK Geschichte in fachwissenschaftlichen Lehrveranstaltungen entwickeln und empirisch erheben lässt. Es besteht die Annahme, dass sich der Aufbau und die Relevanzeinschätzung durch Reflexionen über Lehrgegenstände mit einem Berufsfeldbezug steigern, was erste Ergebnisse einer Interventionsstudie aus dem Wintersemester 2019/20 zeigen. Hier lassen sich qualitätssichernde Merkmale identifizieren, anhand derer Lerngelegenheiten in der Lehramtsausbildung zu optimieren sind.

Literatur

Barsch, Sebastian & Barte, Burghard. (2019). „Es bereitet sie vor, an den richtigen Stellen zu staunen, wenn sie die Tageszeitung lesen“. Historisches Fachwissen aus der Perspektive von Mediävist*innen. Zeitschrift für Geschichtsdidaktik, 18, 78–96.

Basel, Florian. (2011). Lehrerkompetenzen: Diagnose und Förderung im Geschichtsunterricht. In Jan Hodel & Béatrice Ziegler (Hrsg.), Forschungswerkstatt Geschichtsdidaktik 09: Beiträge zur Tagung „geschichtsdidaktik empirisch 09“ (S. 106–116). Bern: hep.

Baumert, Jürgen/Blum, Werner/Klusmann, Uta/Krauss, Stefan/Kunter, Mareike & Neubrand, Michael. (2011). Professionelle Kompetenz von Lehrkräften: Ergebnisse des Forschungsprogramms COACTIV. Münster: Waxmann.

Bortz, Jürgen/Döring, Nicola. (2016). Forschungsmethoden und Evaluation in den Human- und Sozialwissenschaften (5. Aufl.). Berlin: Springer.

Brauch, Nicola/Wäschle, Kristin/Logtenberg, Albert/Steinle, Franzsika/Kury, Sarah/Frenz, Felix & Nückles, Matthias. (2014). Studien zur Modellierung und Erfassung geschichtsdidaktischen Wissens künftiger Gymnasiallehrkräfte. Zeitschrift für Geschichtsdidaktik, 13, 5064.

Fenn, Monika. (2015). Beeinflusst geschichtsdidaktische Lehre die subjektiven Theorien von Studierenden zu Lehren und Lernen im Geschichtsunterricht: Ergebnisse einer empirischen Interventionsstudie. Geschichte in Wissenschaft und Unterricht, 66(9/10), 515538.

Fenn, Monika/Urban, Stefanie. (2020). Das Potsdamer Modell des erweiterten Fachwissens für den schulischen Kontext Geschichte: explorative Prüfung in einer Delphi-Studie. In Sebastian Barsch & Burghard Barte(Hrsg.), Motivation, Kognition, Reflexion: Schlaglichter auf Professionalisierungsprozesse in der Aus- und Fortbildung von Geschichtslehrpersonen (Manuskript eingereicht). Frankfurt a. M.: Wochenschau

Heinze, Aiso/Dreher, Anika/Lindmeier, Anke & Niemand, Carolin. (2016). Akademisches Wissen versus schulbezogenes Fachwissen: ein differenziertes Modell des fachspezifischen Professionswissens von angehenden Mathematiklehrkräften der Sekundarstufe. Zeitschrift für Erziehungswissenschaft, 19, 329349.

Husbands, Chris. (2011). What do history teachers (need to) know: A framework for understanding and developing practice. In Davies, Ian (Hrsg.), Debates in history teaching (S. 84–95), London/New York: Routledge.

Kanert, Georg & Resch, Mario. (2014). Erfassung geschichtsdidaktischer Wissensstrukturen von Geschichtslehrkräften anhand eines vignettengestützten Testverfahrens. Zeitschrift für Geschichtsdidaktik, 13, 1531.

Krauss, Stefan/Lindl, Alfed/Schilcher, Anita/Fricke, Michael/Göhring, Anja/Hofmann, Bernd Kirchhoff, Petra & Mulder, Regina. (2017). FALKO Fachspezifische Lehrerkompetenzen: Konzeption von Professionswissenstests in den Fächern Deutsch, Englisch, Latein, Physik, Musik, Evangelische Religion und Pädagogik. Münster/New York: Waxmann.

Kuckartz, Udo. (2018). Qualitative Inhaltsanalyse: Methoden, Praxis, Computerunterstützung, (4. Aufl.) Weinheim/Basel: Beltz.

Litten, Katharina. (2017). Wie planen Geschichtslehrkräfte ihren Unterricht: Eine empirische Untersuchung der Unterrichtsvorbereitung von Geschichtslehrpersonen an Gymnasien und Hauptschulen. Göttingen: V&R.

Loch, Carolin. (2015). Komponenten des mathematischen Fachwissens von Lehramtsstudierenden . München: Dr. Hut.

Murayama, Kou/Pekrun, Reinhard/Lichtenfeld, Stephanie & vom Hofe, Rudolf. (2012). Predicting Long‐Term Growth in Students‘ Mathematics Achievement: The Unique Contributions of Motivation and Cognitive Strategies. Child Development 84(4),

Priniski, Stacy/Hecht, Cameron & Harackiewicz, Judith. (2018). Making Learning Personally Meaningful: A New Framework. Journal of Experimental Education, 86(1), 1129.

Resch, Mario/Seidenfuß, Manfred & Vollmer, Christian. (2017). Ein Vignettentest zur Erfassung fachdidaktischer Kompetenzen bei angehenden Geschichtslehrkräften. In Monika Waldis & Béatrice Ziegler (Hrsg.), Forschungswerkstatt Geschichtsdidaktik 15. Beiträge zur Tagung „geschichtsdidaktik empirisch 15“ (S. 169–182). Bern: hep.

Resch, Mario & Seidenfuß, Manfred. (2018). Fachdidaktische Kompetenzen angehender Geschichtslehrkräfte beim Formulieren von Lernaufgaben: Theoretische Beschreibung und empirische Erfassung mit einem Vignettentest. In Juliane Rutsch/Markus Rehm/Manfred Seidenfuß/Markus Vogel & Tobias Dörfler (Hrsg.), Effektive Kompetenzdiagnose in der Lehrerbildung: Professionalisierungsprozesse angehender Lehrkräfte untersuchen (S. 115–128). Wiesbaden: Springer.

Resch, Mario/Heuer, Christian & Lohse-Bossenz, Hendrik. (2019). Zur Entwicklung von Fachwissen und geschichtsdidaktischem Können während des Referendariats – Ergebnisse einer Längsschnittstudie zum Professionalisierungsprozess. Zeitschrift für Geschichtsdidaktik, 18, 6177.

Riese, Josef. (2009). Professionelles Wissen und professionelle Handlungskompetenz von (angehenden) Physiklehrkräften. Berlin: Logos.

Schröer, Ludger (2015). Individuelle didaktische Theorien und Professionswissen. Subjektive Konzepte gelingenden Geschichtsunterrichts während der schulpraktischen Ausbildung. Münster u.a.: LIT.

Waldis, Monika/Nitsche, Martin/Marti, Philipp & Hodel, Jan. (2014). „Der Unterricht wird fachlich korrekt geleitet“: theoretische Grundlagen, Entwicklung der Instrumente und empirische Erkundungen zur videobasierten Unterrichtsreflexion angehender Geschichtslehrpersonen. Zeitschrift für Geschichtsdidaktik, 13, 3249.

Woehlecke, Sandra/Massolt, Joost/Goral, Johanna/Hassan-Yavuz, Safyah/Seider, Jessica/Borowski, Andreas/Fenn, Monika/Kortenkamp, Ulrich & Glowinski, Ingrid. (2017). Das erweiterte Fachwissen für den schulischen Kontext als fachübergreifendes Konstrukt und die Anwendung im universitären Lehramtsstudium. Zeitschrift zur Theorie und Praxis der Aus- und Weiterbildung von Lehrerinnen und Lehrern, 35(3), 413426.

Woitkowski, David/Riese, Josef & Reinhold, Peter. (2011). Modellierung fachwissenschaftlicher Kompetenz angehender Physiklehrkräfte. Zeitschrift für Didaktik der Naturwissenschaften, 17, 289313.


  1. Das PSI-Forschungsprojekt (Professionalisierung – Schulpraktische Studien – Inklusion: Potsdamer Modell der Lehrerbildung) ist Teil der von Bund und Ländern mit Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung unter dem Förderkennzeichen 01JA1816 finanzierten „Qualitätsoffensive Lehrerbildung“. Das ForscherInnenteam der Universität Potsdam arbeitet mit Teams der Fachdidaktiken Biologie, Chemie, Deutsch, Englisch und Mathematik an der Verbesserung der Kohärenz zwischen fachdidaktischen und fachwissenschaftlichen universitären Ausbildungsinhalten; vgl. dazu URL: https://www.uni-potsdam.de/de/hi-didaktik/projekte/kohaerenz-fachwissen (letzter Zugriff: 15.4.2020).↩︎

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