Design-Based Research in der geschichtsdidaktischen Professionalisierungsforschung

Henning Host (Universität zu Köln)

Die Relevanz von Lehrpersonen für die Entwicklung von Lernenden und deren Lernerfolg ist unumstritten. Lehrpersonen prägen u.a. durch ihre Lernaufgaben, ihre Feedbackkultur oder ihr Classroom Management den Lernprozess von Lernenden (vgl. Hattie, 2003, 4; vgl. Wilfert & Thünemann, 2018, 204). Daher nehmen das Thema LehrerInnenbildung und die damit verbundene Professionalisierung in den letzten Jahren in der universitären und bildungspolitischen Debatte zentrale Rollen ein. Anknüpfend an die Entwicklung der geschichtsdidaktischen Professionalisierungsforschung zur verstärkten Empirie (Vgl. Thünemann & Zülsdorf-Kersting, 2016) bildet Design-Based Research für das bereits etablierte Feld der Erforschung von Professionalisierung in der Geschichtsdidaktik einen ergänzenden methodologischen Ansatz.

Entwicklungsorientierte Forschungsansätze, in die Design-Based Research eingeordnet werden kann, nehmen insbesondere seit den 1990er Jahren zu. Dabei werden Probleme und Herausforderungen aus der Bildungspraxis aufgegriffen und in sich wiederholenden Zyklen behandelt. Das Ziel ist die Verbesserung von Bildungspraxis durch die Entwicklung eines Prototyps (Vgl. Reinmann, 2014, 64). Ausgehend vom alltagsweltlichen Kontext, indem sich PraktikerInnen bewegen, werden Problem- und Fragestellungen entwickelt, die durch gemeinsame Innovationen gelöst bzw. beantwortet werden sollen. Durch die Zusammenarbeit werden Veränderungen der Praxis, z. B. im schulischen Kontext, intendiert (vgl. DBR Collective, 2003, 6), die „die Praxis selbst nachhaltig verbessern sollen“ (Tulodziecki, Grafe & Herzig, 2013, 211). Zur sukzessiven Lösung des skizzierten Bildungsproblems ist die Offenheit der Forschenden in der Entwicklung des Prototyps und in der Gestaltung von Forschungsstrategien zentral (Vgl. Reinmann, 2017, 102). Die Ansätze folgen dem Grundgedanken, auf Basis der Erkenntnisse zur Lösung eines Praxisproblems wissenschaftliche Theorien kontextbezogen (weiter-) zu entwickeln (Vgl. Brahm & Jenert, 2014, 46–47). Die multiprofessionelle Zusammenarbeit führt nicht nur zu einem tiefergehenden Verständnis von Bildungspraktiken, sondern weiterhin zu einer verbesserten theoretischen Erklärung von Lehren und Lernen (Vgl. DBR Collective, 2003, 6).

Das von Reeves entwickelte Modell, das die Unterteilung des research circles in vier Phasen vorsieht (Vgl. 2006), bildet die Grundlage meines Dissertationsprojektes. In der ersten Phase wird das praktische Problem analysiert und eine Gestaltungsfrage entwickelt, die zur Orientierung für die Entwicklung des Prototyps hilfreich sein kann. In meinem DBR-Projekt lautet die Gestaltungsfrage: Nach welchen medien- und geschichtsdidaktischen Kriterien und unter Berücksichtigung der beeinflussenden Faktoren kann eine Unterrichtsreihe des gymnasialen Geschichtsunterrichts der sechsten Jahrgangsstufe entwickelt werden? Die zweite Phase umfasst die Entwicklung von Lösungen für die identifizierten Bildungsprobleme (vgl. Reeves, 2006, 59). Im Rahmen meines Dissertationsprojektes wurde in Kooperation mit vier Gymnasien in den Schuljahren 2017/2018 und 2018/2019 ein Prototyp zum Schwerpunkt Herrschaft, Gesellschaft und Alltag im Imperium Romanum entwickelt. Zum Prototyp gehören die Konzeption einer Unterrichtsreihe, von Begleitmaterialien für Lehrpersonen sowie von Lehr-Lernmaterialien für SchülerInnen. Im Zentrum der dritten Phase steht der iterative Einsatz und die stetige Entwicklung des Prototyps (Vgl. ebd.). Dabei wurde der Prototyp im berücksichtigen Problemfeld von den kooperierenden PraktikerInnen eingesetzt. In der vierten Phase werden wissenschaftliche, praktische und gesellschaftliche Formen von Output generiert (vgl. Herrington, McKeeney, Reeves & Oliver, 2007, 4095).

Die Rolle der Forschenden in DBR-Projekten ist komplex: Auf der einen Seite erheben die Forschenden Daten, indem sie der Frage nachgehen, wie die PraktikerInnen den Prototyp einsetzen und auf welche Weise dieser entwickelt werden kann. Auf der anderen Seite nehmen die Forschenden eine gestalterische Rolle ein. Im Rahmen von Design-Based Research können sich Forschende an vielfältigen Methoden empirischer Sozialforschung bedienen (Vgl. Thünemann & Zülsdorf-Kersting, 2016). Ich wählte in meinem Dissertationsvorhaben zur Erhebung der Daten eine Kombination von Gruppendiskussionen, Einzelinterviews und teilnehmenden Beobachtungen von Unterrichtssituationen (Vgl. Fuhs, 2007; vgl. Breidenstein, Hirschauer, Kalthoff & Nieswand, 2015) und zur Auswertung der Daten die qualitative Inhaltsanalyse (vgl. Barsch, 2016; vgl. Kuckartz, 2016). Im Schuljahr 2017/2018 haben sechs Lehrpersonen von vier Gymnasien im Großraum Köln an meinem Dissertationsprojekt teilgenommen. Im Zeitraum vom 20. November 2017 bis zum 08. Juni 2018 wurden zwei Gruppendiskussionen durchgeführt und zwölf Protokolle auf Basis von teilnehmenden Beobachtungen erstellt. Ich führte in Bezug zu den Beobachtungen zwölf Einzelinterviews. Im Schuljahr 2018/2019 beteiligten sich fünf Lehrpersonen von drei Gymnasien im Zeitraum vom 23. November 2018 bis zum 05. Juli 2019 am zweiten Zyklus der Entwicklung des Prototyps. Im Rahmen dessen wurden zwei Gruppendiskussionen organisiert, sieben Protokolle erstellt und zehn Einzelinterviews geführt. Alle erhobenen Daten bilden die Grundlage zur Entwicklung des Prototyps. Im Dezember 2019 ist die Datenerhebung sowie die erste Entwicklung des Prototyps abgeschlossen. Bis September 2020 werden der Prototyp final entwickelt und erste Gestaltungsprinzipien formuliert.

Design-Based Research bietet nicht nur eine methodologische Erweiterung geschichtsdidaktischer Forschung an, sondern die Fachdidaktik im Allgemeinen und die Geschichtsdidaktik im Spezifischen kann zugleich einen Beitrag für die erfolgreiche Implementierung von entwickelten Prototypen im Unterricht und die Entwicklung von Design-Based Research leisten.

Literatur

Barsch, Sebastian. (2016). Die qualitative Inhaltsanalyse als Methode der geschichtsdidaktischen Forschung. In Holger Thünemann & Meik Zülsdorf-Kersting (Hrsg.), Methoden geschichtsdidaktischer Unterrichtsforschung (S. 206–­228). Schwalbach/Ts: Wochenschau.

Brahm, Taiga & Jenert, Tobias. (2014). Wissenschafts-Praxis-Kooperation in designbasierter Forschung: Im Spannungsfeld zwischen wissenschaftlicher Gültigkeit und praktischer Relevanz. Zeitschrift für Berufs- und Wirtschaftspädagogik, 27, 45–62.

Breidenstein, Georg/Hirschauer, Stefan/Kalthoff, Herbert & Nieswand, Boris. (2015). Ethnografie: Die Praxis der Feldforschung. Stuttgart: UTB.

Design-Based Research Collective. (2003). Design-based research: An emerging paradigm for educational inquiry. Educational Researcher, 32(1), 5–8.

Fuhs, Burkhard. (2007). Qualitative Methoden in der Erziehungswissenschaft. Darmstadt: WBG.

Hattie, John. (2003). Teachers make a difference: What is the research evidence? Paper presented at the Building Teacher Quality: What does the research tell us? ACER Research Conference, Melbourne, Australia. Abgerufen von http://research.acer.edu.au/research_conference_2003/4

Herrington, Janice/McKenney, Susan/Reeves, Thomas C. & Oliver, Ron. (2007). Design-based research and doctoral students: Guidelines for preparing a dissertation proposal. In Craig Montgomerie & Jane Seale (Hrsg.), Proceedings of ED-MEDIA 2007: World Conference on Educational Multimedia, Hypermedia & Telecommunications (S. 4089–4097). Chesapeake: AACE.

Kuckartz, Udo. (2016). Qualitative Inhaltsanalyse: Methoden, Praxis, Computerunterstützung. Weinheim: Beltz.

Reeves, Thomas. (2006). Design research from a technology perspective. In Jan van den Akker/Koeno Gravemeijer/Susan McKenney & Nienke Nieveen (Hrsg.), Educational design research (S. 52–66). London: Routledge.

Reinmann, Gabi. (2014). Entwicklungsfrage: Welchen Stellenwert hat die Entwicklung von Design Research? Wie wird Entwicklung zu einem wissenschaftlichen Akt? In Dieter Euler & Peter F.E. Sloane (Hrsg.), Design Based Research (S. 63–78). Stuttgart: Franz Steiner.

Reinmann, Gabi. (2017). Design-based Research. In Dorothea Schemme & Hermann Novak (Hrsg.), Gestaltungsorientierte Forschung – Basis für soziale Innovationen: Erprobte Ansätze im Zusammenwirken von Wissenschaft und Praxis (S. 49–61). Bielefeld: wbv.

Thünemann, Holger & Zülsdorf-Kersting, Meik. (Hrsg.) (2016). Methoden geschichtsdidaktischer Unterrichtsforschung. Schwalbach/Ts: Wochenschau.

Tulodziecki, Gerhard/Grafe, Silke & Herzig, Bardo. (2013). Gestaltungsorientierte Bildungsforschung und Didaktik: Theorie – Empirie – Praxis. Bad Heilbrunn: Klinkhardt.

Wilfert, Christoph & Thünemann, Holger. (2018). Subjektive Theorien Geschichtsstudierender vor und nach dem Praxissemester: Zum Verhältnis geschichtsdidaktischen Theorie- und unterrichtspraktischen Erfahrungswissen. In Michael Artmaann/Marie Berendonck/Petra Herzmann & Anke B. Liegmann (Hrsg.), Professionalisierung in Praxisphasen der Lehrerbildung (S. 203–220). Bad Heilbrunn: Klinkhardt.

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