Geschichtsdinge – Eine ethnographisch-geschichtsdidaktische Vermessung von Spielsachen mit Vergangenheitsbezügen in Kinderzimmern

Christoph Kühberger (Universität Salzburg)

Das Private stand bisher nicht im Fokus der geschichtsdidaktischen Forschung. Historisches Lernen wurde vorrangig – wenn nicht sogar ausschließlich – als schulisches Lernen oder Lernen an außerschulischen Institutionen identifiziert und beforscht (vgl. Köster et al. 2014; Counsell et al. 2016). Der Vortrag legt daher einen Schwerpunkt auf die in privaten Kinderzimmern verfügbaren Versatzstücken einer kindlichen Geschichtskultur und auf das Denken der Einwohner_innen, um über ein „going native“ im Sinn der ethnographischen Feldforschung (vgl. Breidenstein et al. 2015; Thomas 2019) empirische Einsichten zur geschichtskulturellen Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen im Alter zwischen 7 und 13 im privaten Umfeld zu gewinnen. Ausgehend von Fallbeispielen aus dem Projekt „Geschichtskultur im Kinderzimmer“ werden dazu österreichische Räumlichkeiten von Kindern und Jugendlichen herangezogen, die digital dokumentiert wurden. Die ethnographischen Erhebungen fanden zwischen 2017 und 2020 in ca. 50 privaten österreichischen Haushalten statt und decken – trotz eines unverkennbaren Schwerpunkts auf Mittelschichtsfamilien – eine sozial differenzierte Bandbreite von Familien vom Bauernhof bis zur modernen Villa, von Einzelkindern bis hin zu Mehrkinderfamilien, mit und mit fehlendem Migrationshintergrund etc. ab. Die jungen Bewohner_innen führten dazu durch ihre Kinderzimmer und stellten sich einem ethnographischen Leitfaden-Interview (Madden 2017). Ethnographische Feldnotizen sowie fotodokumentierte Gegenstände und Örtlichkeiten ergänzen das Material (vgl. Lincoln 2012; Kühberger 2018, Kühberger 2020).

Wenngleich das reichhaltige Material verschiedenste geschichtsdidaktische Fragestellungen zum Wohnen, Spielen und Lernen mit verschiedensten geschichtskulturellen Produkten innerhalb der kindlichen Lebenswelt bereithält, fokussiert der Vortrag auf einen ausgewählten Teilaspekt, der damit insbesondre auch Diskussionen zum New Materialism aktiviert (vgl. van Norden 2018; Hoffmann et al. 2016). Ausgehend von exemplarischen Einsichten zu verschiedenen Zimmer und zu den Erfahrungen der Bewohner_innen im Umgang mit Vergangenheit und Geschichte wird versucht herauszustellen, inwieweit Spielsachen, denen eine Vergangenheitsinterpretation eingeschrieben wurde (Kühberger 2020), mit den Kindern interagieren. Auf der Grundlage der „Actor-Network-Theory“ (vgl. Latour 2007) wird danach gefragt, welche Rolle derartige Spielsachen für die Formierung von Vorstellungen über die Vergangenheit spielen, ob diese aus den Objekten erwächst oder durch die Kinder erst hergestellt wird. Damit tritt im Vortrag der Aspekt einer materiellen Geschichtskultur von und für Kinder, wie sie in Kinderzimmern dokumentierbar ist, eindeutig in den Vordergrund. Die ethnographische Herangehensweise wird dabei durch eine kategoriale Inhaltsanalyse der transkribierten Zimmerführungen und Interviews mittels MAXQDA unterstützt.

Ziel ist es, über diese Einsichten einen Beitrag zur empirischen Erforschung der weitgehend unbekannten privaten Geschichtskultur von Kindern und Jugendlichen sowie zu Bedingungen eines informellen historischen Lernens anhand von materiellen Objekten zu leisten. Die dabei auszumachenden Momente sollten als Stimuli für eine subjektorientierte Geschichtsdidaktik dienen, die sich im Rahmen des formalen historischen Lernens für unterschiedlichste Begegnungen mit Geschichte interessiert und diese Formen in Lernprozesse miteinbezieht. Das Konzept der Geschichtskultur soll dadurch nicht nur durch eine wenig berücksichtigte Komponente der kindlichen Lebenswelt ergänzt werden, sondern auch um die sich ergebenden Interaktion zwischen Mensch und Objekt.

Literatur

Counsell, Christine/Burn, Katharine & Chapman, Arthur (Hrsg.). (2016). MasterClass in History Education Transforming Teaching and Learning. Loindon: Bloomsburry Academic.

Breidenstein, Georg et al. (2015). Ethnografie. Die Praxis der Feldforschung (2. Aufl.). München: UTB.

Hofmann, Kerstin P. et al. (2016). Massendinghaltung in der Archäologie: Der material turn und die Ur- und Frühgeschichte. Leiden: Sidestone.

Köster, Manuel et al. (Hg.). Researching History Education. International Perspectives and Disciplinary Traditions. Schwalbach/ Ts.: Wochenschau.

Kühberger, Christoph. (2018, July 11). Toys with historical references as part of a material culture: An ethnographic study on children’s bedrooms. 8th International Toy Research Association World Conference. https://hal-univ-paris13.archives-ouvertes.fr/hal-02090966.

Kühberger, Christoph (2020). Toys Mediate Pasts – das Kinderzimmer als Ort der Geschichtsvermittlung. In Christoph Bareither/Ingrid Tomkowiak (Hrsg.), Mediated Pasts – Popular Pleasures: Medien und Praktiken populärkulturellen Erinnerns (141–153). Würzburg: Königshausen & Neumann

Kühberger, Christoph (2020). Spielzeug als Teil der Geschichtskultur – Playmobil® und andere Anbieter. In F. Hinz & A. Körber (Hrsg.), Geschichtskultur – Public History – Angewandte Geschichte. Geschichte lernen und Gesellschaft. Berlin

Latour, Bruno (2007). Eine neue Soziologie für eine neue Gesellschaft. Einführung in die Akteur-Netzwerk-Theorie. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Lincoln, Siân (2012). Youth culture and private space. New York: Palgrave.

Madden, Raymond (2017). Being ethnographic. A guide to the theory and practice of ethnography. Los Angeles: Sage.

Thomas, Stefan (2019). Ethnographie. Eine Einführung. Wiesbaden: Springer VS.

van Norden, Jörg (2018): „We do not need certainty“? Zeitschrift für Geschichtsdidaktik 17(1): 9-26.

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