Kann man die Relevanz von Geschichte messen? Validierung der deutschsprachigen Version der Relevance of History Measurement Scale (RHMS)

Marcel Mierwald und Julia Waldeyer (Ruhr-Universität Bochum)

Theoretischer Hintergrund

Nicht selten wird auf theoretischer und curricularer Ebene die lebenspraktische Relevanz von Geschichte darin gesehen, dass Menschen diese benötigen, um sich in ihrer gegenwärtigen und zukünftigen Welt zu orientieren, eine eigene (historische) Identität zu entwickeln oder an öffentlichen Diskursen über historische Themen teilzuhaben (z. B. MSW NRW, 2014; Rüsen, 2013, Trautwein et al., 2017; VGD, 2011). Befragungen weisen jedoch darauf hin, dass gerade Schüler*innen Geschichte häufig als etwas „Äußerliches“ erleben, das sie selbst und ihr Leben wenig tangiert (Angvik & von Borries, 1997; Haeberli, 2005; Wilschut, 2013). Gleichwohl fehlt es für den deutschsprachigen Raum an einem Instrument, mit dem solche Relevanzüberzeugungen valide und reliabel erhoben werden können.

Während der Relevanzbegriff in der deutschsprachigen Geschichtsdidaktik vorrangig auf die „Wichtigkeit“ von Geschichtswissenschaft und Geschichtsunterricht bezogen (Schönemann, 2004) und qualitativ erforscht wurde (Daumüller & Seidenfuß, 2017), wendet sich dieser Beitrag in Anschluss an van Straaten, Wilschut und Oostdam (2016) globaler der Relevanz von Geschichte für das gegenwärtige Leben von Menschen zu. Die niederländischen Geschichtsdidaktiker definieren „Relevanz“ für Geschichte als „allowing students to recognize and experience what history has to do with themselves, with today’s society and their general understanding of human existence” (van Straaten et al., 2016, 4) und leiten theoriebasiert drei Ziele historischen Lernens ab: Entwicklung einer eigenen Identität, Werden eines „Staatsbürgers“ und Verständnis für die menschliche Existenz. Zugleich gelang es ihnen mit der Relevance of History Measurement Scale (RHMS), Relevanzüberzeugungen von niederländischen Schüler*innen und Studierenden in der Domäne Geschichte valide und reliabel zu messen (van Straaten, Wilschut & Oostdam, 2018).

Fragestellung

Der Fragebogen liegt bisher nur im niederländischen Original vor, so dass unklar ist, inwieweit die Befunde auf Schüler*innen oder Studierende anderer Länder übertragbar sind (van Straaten et al., 2018). Daher stellt sich die Frage, inwiefern die deutschsprachige Variante der RHMS ein valides und reliables Instrument zur Erfassung von Relevanzüberzeugungen in der Domäne Geschichte ist.

Methode

Auf der Basis des niederländischen Fragebogens wurde gemeinsam mit seinen Urhebern eine deutschsprachige Version der RHMS erstellt. Das Instrument besteht aus 24 Items, die sich auf die drei Teilziele building a personal identity (DIE = 7 Items), becoming a citizen (CIT = 12 Items) und understand the human condition (HUM = 5 Items) beziehen. Die Proband*innen sind angehalten, auf einer sechsstufigen Likert-Skala ihre Übereinstimmung mit positiv und negativ preformulierten Statements zu markieren (d.h. von „1= stimme ich überhaupt nicht zu“ bis „6 = stimme ich voll und ganz zu“). In einer ersten Pilotierung testeten wir das Instrument an einer Stichprobe von 257 Studierenden (Alter: M = 22.04, SD = 4.73; m = 135, w = 122) der Geschichtswissenschaft, wobei wir hinsichtlich seiner Güte generell hohe Relevanzüberzeugungen vermuteten. Zudem vermuteten wir, dass die Studierenden im Master of Education (M.Ed., n = 44) eine höhere Ausprägung hinsichtlich der Teilziele aufweisen als diejenigen im Bachelor (B.A., n = 213). Weiterhin erhoben wir als Außenkriterien u.a. die Häufigkeit der Beschäftigung mit Geschichte (van Straaten et al., 2018) und das individuelle Interesse an Geschichte (nach: Köller, Baumert & Schnabel, 2000), wobei wir zum Zweck der Validierung hier positive Korrelationen vermuteten.

Ergebnisse

Die mithilfe des R-Paketes lavaan berechnete Konfirmatorische Faktorenanalyse (CFA) mit robust maximum likelihood estimation (MLR) spricht für einen guten Fit des drei-faktoriellen Modells für die verwendeten Daten, χ2 (186) = 272.692, p < 0.001; CFI = 0.92; TLI = 0.90; RMSEA = 0.05; SRMR = 0.06. Je Faktor wurde dabei ein Item aufgrund niedriger Ladungen entfernt. Die drei Faktoren weisen eine akzeptable bis gute interne Konsistenz auf: αIDE = .77, αCIT = .80, αHUM = .67.

Die Studierenden im M.Ed. (M = 4.03, SD = 0.60) zeigten eine höhere Relevanzüberzeugung bezüglich buildung a personal identity als diejenigen im B.A. (M = 3.68, SD = 0.85), t(245) = -3.222, p = .002, d = 0.43. Auch mit Blick auf becoming a cititizen zeigten die Studierenden im M.Ed. (M = 4.86, SD = 0.40) eine höhere Zustimmung als die B.A.-Studierenden (M = 4.66, SD = 0.63), t(253) = -2.807, p = .006, d = 0.33. Mit Blick auf understand the human condition unterscheiden sich M.Ed.- (M = 4.07, SD = 0.73) und B.A.-Studierende (M = 4.05, SD = 0.80) nicht statistisch signifikant, t(255) = -.167, p > .05, d = 0.03. Erwartungskonform werden in beiden Gruppen relativ hohe Zustimmungswerte erzielt. Weiterhin zeigten sich geringe bis zumeist mittlere Korrelationen sowohl zwischen der Häufigkeit der Beschäftigung mit Geschichte und den Relevanzüberzeugungen der Studierenden, r(256) = 0.37 (mit IDE); r(256) = 0.21 (mit HUM), r(254) = 0.40 (mit CIT); alle p < .001, als auch ihrem individuellen Interesse und den Relevanzüberzeugungen, r(256) = 0.44 (mit IDE); r(257) = 0.26 (mit HUM), r(255) = 0.47 (mit CIT); alle p < .001.

Schlussfolgerung

Angesichts dieser Befunde stellt die deutschsprachige Version der RHMS ein valides und reliables Instrument zur Erfassung von Relevanzüberzeugungen dar. Zukünftig bedarf es jedoch einer weiteren, bereits geplanten Überprüfung an einer Stichprobe von Schüler*innen, um die Funktionsfähigkeit auch an diesen zu testen. Danach ist es möglich, in Interventionsstudien zu untersuchen, inwiefern u.a. mit verschiedenen Themen und Lehr-/Lernmethoden Relevanzüberzeugungen bei Lernenden beeinflusst werden können (van Straaten, Wilschut, Oostdam, & Fukkink, 2019). Im Vortrag stellen wir sowohl die theoretische Grundlage des Instrumentes als auch die ersten Befunde genauer vor und diskutieren diese kritisch. Weiterhin gehen wir auf zukünftige Anwendungsbereiche ein.

Literatur

Angvik, Magne & Von Borries, Bodo. (Hrsg.). (1997). Youth and History. A comparative European survey on historical consciousness and political attitudes among adolescents. Hamburg: Körber Stiftung.

Daumüller, Markus & Seidenfuß, Manfred. (2017). Endstation Geschichtsunterricht. Die Sicht von Schülabgängerinnen und Schulabgängern auf ihren Geschichtsunterricht. Berlin: LIT.

Haeberli, Philippe. (2005). Relating to history. An empirical typology. International Journal of Historical Learning, Teaching and Research, 5(1), 19–29.

Köller, Olaf/Baumert, Jürgen & Schnabel, Kai Uwe. (2000). Zum Zusammenspiel von schulischem Interesse und Lernen im Fach Mathematik: Längsschnittanalysen in den Sekundarstufen I und II. In Ulrich Schiefele & Klaus Peter Wild (Hrsg.), Interesse und Lernmotivation – Untersuchungen zu Entwicklung, Förderung und Wirkung (S. 163–183). Münster: Waxmann.

MSW NRW (= Ministerium für Schule und Weiterbildung des Landes Nordrhein-Westfalen). (2014). Kernlehrplan für die Sekundarstufe II Gymnasium/Gesamtschulen in Nordrhein-Westfalen. Geschichte, Düsseldorf: Ritterbach Verlag. Abgerufen von https://www.schulentwick-lung.nrw.de/lehrplaene/upload/klp_SII/ge/KLP_GOSt_Geschichte.pdf

Rüsen, Jörn. (2013). Historik. Theorie der Geschichtswissenschaft. Köln: Böhlau.

Schönemann, Bernd. (2004). Relevanz. In Ulrich Mayer/Hans-Jürgen Pandel/Gerhard Schneider & Bernd Schönemann (Hrsg.): Wörterbuch Geschichtsdidaktik (S. 166–168). Schwalbach/Ts.: Wochenschau.

Trautwein, Ulrich/Bertram, Christiane/Von Borries, Bodo/Brauch, Nicola/Klausmeier, Kathrin/Körber, Andreas…Zuckowski, Andreas. (2017). Kompetenzen historischen Denkens erfassen. Konzeption, Operationalisierung und Befunde des Projekts „Historical Thinking Competencies in History“ (HiTCH). Münster: Waxmann.

Van Straaten, Dick/Wilschut, Arie & Oostdam, Ron. (2016). Making history relevant by connecting past, present and future. Journal of Curriculum Studies, 48(4), 479–502.

Van Straaten, Dick/Wilschut, Arie & Oostdam, Ron. (2018). Measuring students’ appraisals of the relevance of history. The construction and validation of the Relevance of History Measurement Scale (RHMS). Studies in Educational Evaluation, 56, 102–111.

Van Straaten, Dick/Wilschut, Arie, Oostdam, Ron & Fukkink, Ruben. (2019). Fostering students’ appraisals of the relevance of history by comparing analogous cases of an enduring human issue. A quasi-experimental study. Cognition and Instruction, 37(4), 512–533.

VGD (= Verband der Geschichtslehrer Deutschlands). (2011). Bildungsstandards Geschichte. Sekundarstufe I. Kompetenzmodell und synoptische Darstellung der Kompetenzen und verbindlichen Inhalte des Geschichtsunterrichts. Verfügbar unter: https://www.geschichtslehrerforum.de/VGD_Bildungsstandards_Entwuf2010.pdf. [09.12.19].

Wilschut, Arie. (2013). De taal van burgerschap [Die Sprache der Staatsbürgerschaft]. Amsterdam: Hogeschool van Amsterdam.

×