Vom Umgang mit historischen Narrationen: eine Design-Research mit Schüler*innen in der Primarschule

Anne-Seline Moser (PH Bern)

Theoretischer Hintergrund & Fragestellung

Der kritische Umgang mit historischen Narrationen und historischen Orientierungsangeboten als Teil eines reflektierten Geschichtsbewusstseins gelten als zentrale Funktion des historischen Denkens (Barricelli, 2016; Pandel, 2013; Rüsen, 2013; Schreiber, Körber et al., 2007) bzw. als Ziel des historischen Lernens (GDSU, 2013; Rohrbach, 2016). Unter historischer Orientierungskompetenz wird im Kontext des FUER-Models die Fähigkeit, Fertigkeit und Bereitschaft verstanden, sich historisch zu orientieren in Bezug auf den eigenen Standort, das eigene Handeln in Gegenwart und Zukunft oder auch für die Re-Organisation des eigenen Geschichtsbewusstseins. Dies beinhaltet auch das Nachdenken über Orientierungs- und Sinnbildungsangebote in historischen Narrationen (Schreiber, 2007).

Im Beitrag wird der Frage nachgegangen, wie Schüler*innen mit ausgewählten historischen Narrationen umgehen und welche Orientierungen und mögliche Sinnbildungen in den Auseinandersetzungen mit den Erzählungen erkennbar werden.

Vorgehen/ Methode der Datenerhebung (Stichprobe, Vorgehen Datenanalyse)

Die Unterrichtseinheit wurde von der Autorin konstruiert und im Rahmen einer Design-Research gemeinsam mit der Lehrperson weiterentwickelt und an den Kontext der jeweiligen Klasse angepasst (Euler & Sloane, 2014; FUNKEN, 2017; Komorek & Prediger, 2013; Reinmann, 2017). Die Durchführung erfolgte in zwei Zyklen in zwei 4. Klassen der Primarschule in der Schweiz im Mai 2017 und Juni 2018. Das Lern-Lehrarrangement (LLA) blieb prinzipiell gleich, in der zweiten Durchführung wurden gewisse Anpassungen vorgenommen z.B. in der Strukturierung der Forschungsjournale und der Auswahl der Quellen, die auf den Erfahrungen und ersten Analysen der ersten Durchführung beruhten. Auch wurde nach Diskussionen mit der Lehrerin das Lehr-Lernarrangement den Sprachkompetenzen der Lernenden angepasst, indem bei der zweiten Durchführung mehr sprachliche Scaffolds (z.B. Wortplakate, Glossar) verwendet wurden. Exemplarisch wurden in dem LLA ausgewählte Narrationen über Wilhelm Tell durch die Schüler*innen erarbeitet. Das LLA orientierte sich am Forschungsweg (Kalcsics, 2016, 2019), ein Schwerpunkt lag dabei auf der Methodenkompetenz durch die Arbeit mit Bild- und Textquellen (Becher & Gläser, 2016). Dabei arbeitete die ganze Klasse zuerst an einer Erzählung gemeinsam und modellhaft, in einer zweiten Phase wurden in Arbeitsgruppen weitere Tell-Erzählungen zunehmend selbstständig erarbeitet, dies mit adaptiver-konstruktiver Lernbegleitung im Sinne des Scaffoldings durch die Lehrperson (Adamina, 2019). Nach Abschluss der Forschungsphase wurden die Ergebnisse der ganzen Klasse vorgestellt und diskutiert. Die Analyse, die hier vorgestellt wird, basiert auf den im Anschluss an die Unterrichtseinheit geführten Gruppeninterviews, den Produkten der Lernenden und Gesprächen mit der Lehrperson. Da es sich um Gruppeninterviews handelt, können keine individuellen Orientierungen oder Sinnbildungen rekonstruiert werden. Analysiert werden die Daten mit der inhaltlich strukturierenden Inhaltsanalyse (Kuckartz, 2016).

Vorliegende Ergebnisse zur Forschungsfrage

Als erstes Zwischenfazit kann festgestellt werden, dass die Lernenden vielfältige Orientierungen und Sinnbildungen (re)konstruieren bzw. die in den Erzählungen enthaltenen Sinnbildungs- und Orientierungsangebote annehmen, ablehnen oder für sich anpassen und variieren. Dies zeigt sich darin, welche Schwerpunktsetzungen und narrativen Zusammenhänge hergestellt werden und wie begründet und argumentiert wird. So wird beispielsweise die Legitimität des Tyrannenmordes auch während der Interviews intensiv diskutiert, von vielen abgelehnt und damit auch Tell die Heldenhaftigkeit oder Vorbildfunktion abgesprochen – andere wiederum nehmen das Argument vom Schutz der eigenen Familie auf und begründen damit, warum Tell in ihren Augen ein Held ist. Die Lernenden unterscheiden auch zwischen Sinnbildung früher und heute, dabei argumentieren sie u.a. mit Historizität bzw. Dauer und Wandel. Die Analyse wird in den nächsten Monaten fortgesetzt, im Herbst 2020 liegt voraussichtlich die weiter fortgeschrittene und verschriftlichte Analyse vor.

Konklusion, Schlussfolgerung für weitere Forschung und Unterrichtspraxis

Die Entwicklung der Unterrichtseinheit hat gezeigt, dass ein forschendes Vorgehen im Unterricht trotz hoher Komplexität und anspruchsvoller Konzeption auf grosses Interesse und Motivation bei den Lernenden und Lehrpersonen stösst. Es bedarf allerdings einer vertieften – auch fachwissenschaftlichen – Auseinandersetzung der Lehrperson mit dem Lerngegenstand um die adaptiv-konstruktive Lernbegleitung gewährleisten zu können. Die herausgearbeiteten Orientierungs- und Sinnbildungsmuster und der Umgang mit den Narrationen können in weiteren Projekten überprüft und beispielsweise die Aushandlungsprozesse der Sinnbildung zwischen den Akteur*innen im Unterricht noch genauer untersucht werden. Damit kann das vorliegende Projekt auch einen Beitrag leisten zur weiteren theoretische Grundlegung von Faktoren und Progressionslogiken narrativer Kompetenz. Zudem sollte die Methode der Design-Research kritisch diskutiert und weiterentwickelt werden, welche bis anhin vor allem in Forschungen zum naturwissenschaftlichen und mathematischen Lernen sowie auf der Stufe Sek 1 und 2 eingesetzt wurde.

Literatur

Adamina, Marco. (2019). Lernen unterstützen – adaptiv-konstruktiv lehren. In Peter Labudde & Susanne Metzger (Hrsg.), Fachdidaktik Naturwissenschaft: 1.-9. Schuljahr (3. Aufl., S. 183–196). Bern, Stuttgart, Wien: Haupt; UTB.

Barricelli, Michele. (2016). Historisches Erzählen als Kern historischen Lernens: Wege zur narrativen Sinnbildung im Geschichtsunterricht. In Martin Buchsteiner & Martin Nietsche (Hrsg.), Historisches Erzählen und Lernen: Historische, theoretische, empirische und pragmatische Erkundungen (S. 45–68). Wiesbaden: Springer VS.

Becher, Andrea & Gläser, Eva. (2016). Geschichte erforschen mit historischen Quellen. Förderung historischer Methodenkompetenz mit vorstrukturierten Materialien. In Andrea Becher, Eva Gläser, & Berit Pleitner (Hrsg.), Die historische Perspektive konkret.: Begleitband 2 zum Perspektivrahmen Sachunterricht (S. 40–52). Bad Heilbrunn: Verlag Julius Klinkhardt.

Euler, Dieter, & Sloane, Peter F. E. (Hrsg.). (2014). Design-based research [Special issue]. Zeitschrift für Berufs- und Wirtschaftspädagogik, 27.

FUNKEN. (2017). Fachdidaktische Entwicklungsforschung zu diagnosegeleiteten Lehr- und Lernprozessen: Inhaltlicher und methodischer Rahmen/ Entwicklungsforschung. Abgerufen von http://www.funken.tu-dortmund.de/cms/de/Gforschung/entwicklungsforschung.html.

GDSU (Hrsg.). (2013). Perspektivrahmen Sachunterricht: Gesellschaft für Didaktik des Sachunterrichts. Bad Heilbrunn: Julius Klinkhardt.

Kalcsics, Katharina. (2016). «Die hatten noch kein Handy?» Dauer und Wandel erkennen und verstehen. In Andrea Becher/Eva Gläser & Berit Pleitner (Hrsg.), Die historische Perspektive konkret.: Begleitband 2 zum Perspektivrahmen Sachunterricht (S. 156–167). Bad Heilbrunn: Verlag Julius Klinkhardt.

Kalcsics, Katharina. (2019). Zeitreise – Von Dauer und Wandel erzählen. In Katharina Kalcsics & Markus Wilhelm (Hrsg.), Lernwelten. Natur – Mensch – Gesellschaft/Weiterbildung: Grundlagen und Planungsbeispiele/Praxisbuch (S. 68–89). Bern: Schulverlag plus.

Komorek, Michael, & Prediger, Susanne (Hrsg.). (2013). Der lange Weg zum Unterrichtsdesign: Zur Begründung und Umsetzung fachdidaktischer Forschungs- und Entwicklungsprogramme. Münster: Waxmann.

Kuckartz, Udo. (2016). Qualitative Inhaltsanalyse: Methoden, Praxis, Computerunterstützung (3. Aufl). Weinheim: Beltz Juventa.

Pandel, Hans-Jürgen. (2013). Geschichtsdidaktik: Eine Theorie für die Praxis. Schwalbach: Wochenschau.

Reinmann, Gabi. (2017). Design-Based Research. In Dorothea Schemme/Hermann Novak, & Bundesinstitut f. Berufsbildung (Hrsg.), Gestaltungsorientierte Forschung – Basis für soziale Innovationen: Erprobte Ansätze im Zusammenwirken von Wissenschaft und Praxis (S. 49–62). Bielefeld: W. Bertelsmann Verlag.

Rohrbach, Rita. (2016). Identität und Alterität. In Andrea Becher, Eva Gläser, & Berit Pleitner (Hrsg.), Die historische Perspektive konkret.: Begleitband 2 zum Perspektivrahmen Sachunterricht (S. 126–141). Bad Heilbrunn: Verlag Julius Klinkhardt.

Rüsen, Jörn. (2013). Historik: Theorie der Geschichtswissenschaft. Köln: Böhlau.

Schreiber, Waltraud. (2007). Kompetenzbereich historischer Orientierungskompetenz. In Waltraud Schreiber/Andreas Körber, & Alexander Schöner (Hrsg.), Kompetenzen historischen Denkens: Ein Strukturmodell als Beitrag zur Kompetenzorientierung in der Geschichtsdidaktik (S. 236–264). Neuried: ars una.

Schreiber, Waltraud/Körber, Andreas/Borries, Bodo von/Krammer, Reinhard/Leutner-Ramme, Sibylla/Mebus, Sylvia … Ziegler, Béatrice. (2007). Historisches Denken: Ein Kompetenz-Strukturmodell. In Waltraud Schreiber/Andreas Körber, & Alexander Schöner (Hrsg.), Kompetenzen historischen Denkens: Ein Strukturmodell als Beitrag zur Kompetenzorientierung in der Geschichtsdidaktik (S. 17–53). Neuried: ars una.

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