Die Förderung narrativer Kompetenz mittels digitaler Endgeräte – ein Unterrichts- und Studienprojekt

Helene Mühlestein (PH St. Gallen)

In den letzten Jahren prägten zwei Begriffe die Bildungslandschaft: «Kompetenzorientierung» und «Digitalisierung». Im Bereich des historischen Lernens wurde «narrative Kompetenz» zu einer der wichtigsten Kompetenzen erklärt (Barricelli, 2012, 268; Vgl auch: Barricelli, 2005; Pandel 2010; Buchsteiner/Nitsche 2016). Die historische Sinnbildung, die sich in einer konstruktivistischen Erzählfähigkeit von Geschichte bei Schülerin­nen und Schülern ausbilden soll, stellt jedoch die Unterrichtspraxis vor Probleme, da oft unklar scheint, wie man diese geschichtsdidaktische Forderung in der Praxis umsetzen soll (Heil, 2012, 38). Von fachdidaktischer Seite bemängelt man, dass geeignete Unterrichtssettings fehlen würden (Barricelli, 2016, 50). Zugleich würden Unterrichtsbeispiele vor allem auf die Erstellung von Texten fokussieren und somit narrative Kompetenz im Geschichtsunterricht mit der Fähigkeit zur Textproduktion gleichsetzen (Götz, 2016, 98).

Im Bereich der Digitalisierung bieten sich auch neue Möglichkeiten, narrative Kompetenz im Geschichtsunterricht zu fördern und Lehr- Lernprozesse anzuregen, die über Textproduktion hinausgehen. Ein neuerer Sammelband thematisiert die Erstellung von Narrationen mittels mobiler Endgeräte wie dem Smartphone, doch auch hier fehlen noch Aufgabenstellungen und empirische Forschung (Bernsen/Kerber, 2017).1

Im Rahmen eines Unterrichtsprojektes im Erwachsenengymnasium wurden Handyfilme als Produkte einer Projektarbeit zum Thema «Orte der Moderne» erstellt. Die im Projekt gewählte Aufgabenstellung bezog sich auf die Recherche zu historischen «Orten der Moderne» in der Stadt Zürich, die Erarbeitung einer kurzen wissenschaftsorientierten Begleitpublikation und die Erstellung eines Handyfilmes von ca. 5 Minuten. Die umfassende Recherche wissenschaftsbasierter Literatur und teilweise zeitgenössischer Quellen, die schriftliche Verarbeitung der entsprechenden Ergebnisse zum gewählten historischen Ort sowie die physische Erkundung des Ortes selbst bildeten die Grundlage für die Erarbeitung des Films. Die entstandenen Filme bilden somit Hypertexte, denen unterschiedliche Träger historischer Informationsüberlieferung zugrunde liegen, die miteinander in Verbindung stehen (Britt/Rouet/Perfetti, 1996, 43). Diese Aufgabenstellung sollte somit nach Monte-Sano et al. historisches Denken durch «literary practices» fördern, d.h. von den Schülerinnen und Schülern wurde ein komplexes Zusammenspiel von lesen, analysieren und schreiben respektive die Erstellung einer filmischen Narration verlangt (Monte-Sano/De la Paz/Felton, 2014, 1).

Die in den letzten beiden Jahren im Rahmen dieses Unterrichtsprojektes entstandenen rund 20 Filme zeigen, wie Schülerinnen und Schüler narrative Kompetenz mittels digitaler Endgeräte umzusetzen vermögen. Es zeigt sich, dass das Smartphone oder auch das Tablet mit ihren Funktionen neue Möglichkeiten bieten, historische Erzählungen zu gestalten. Folgende Fragen sollen in diesem Beitrag beantwortet werden: Mit welchen Formen und Dokumenten werden die Narrationen in diesen Filmen gestaltet respektive konstruiert? Wie zeigen sich Kompetenzen des historischen Lernens in diesen Filmen?

Die so entstandenen Film­produkte werden durch qualitative Methoden, insbesondere deduktive und induktive Kategorienbildung, ausgewertet (Mayring, 2016, 65–99). Als theoretischer Bezug wird das Kompetenzmodell von Gautschi verwendet, das narrative Kompetenz ins Zentrum stellt, zugleich diese aber in vier Kompetenzbereiche aufgliedert (Erschliessungskompetenz, Orientierungskompetenz, Wahrnehmungskompetenz, Interpretationskompetenz) (Barricelli/Gautschi et al., 2012, 222–224).

Insbesondere im Bereich der Erschliessungs- und Interpretationskompetenz, die den Umgang mit Quellen und Darstellungen und die Interpretation derselben umfasst, zeigte sich eine Vielfalt in den filmischen Narrationen. Neben dem historischen Ort, der durch Fragestellung des Aufgabensettings gegeben war, verarbeiteten Schülerinnen und Schüler in den Filmen sowohl schriftliche Quelle, historisches Bild und Filmmaterial als auch Darstellungen. Die Einarbeitung der Materialien erfolgte in der Narration sehr kreativ. Schauspielende Schülerinnen und Schüler wurden zu Professoren, die aus Darstellungen zitierten oder zu zeitgenössischen Protagonisten, die Briefquellen schrieben. Einige der Schülerinnen und Schüler wählten «Reenactment» als weiteren narrativen Zugang oder spielten mit Playmobilfiguren historische Begebenheiten nach.

Dabei zeigte sich auch Orientierungs- und Wahrnehmungskompetenz. Schülerinnen und Schüler moderierten aus der Gegenwart, zeigten Veränderungen im Verlaufe der Geschichte auf und machten in der Erzählung deutlich, welche Perspektive sie einnehmen.

Die Auswertung der in der Praxis entstandenen Filme ermöglicht erste Aussagen zur Umsetzung narrativer Kompetenz in Zusammenhang mit digitalen Möglichkeiten. Digitale Zugänge müssen so in den Unterricht integriert werden, dass ein effektiver Mehrwert entsteht. Die Technik ermöglicht neuartige Aufgabenstellungen, die vorher so nicht möglich waren (Puentedura, 2006). Doch Unterrichtsprojekte mit dieser Stossrichtung müssten bezüglich der jeweilig eingeübten Kompetenzen evaluiert werden. Ebenso gilt es Projekte zu entwickeln, die diesen vielfältigen Anforderungen entsprechen. Weitere empirische Forschung, gerade im Hinblick auf Aneignung historischer Kompetenzen, ist hier sicher interessant und notwendig.

Literaturverzeichnis:

Barricelli Michele. (2016). Historisches Erzählen als Kern historischen Lernens. Wege zur narrativen Sinnbildung im Geschichtsunterricht. In: Martin Buchsteiner & Martin Nitsche (Hrsg.). Historisches Erzählen und Lernen. Historische, theoretisch, empirische und pragmatische Erkundungen (S. 45–68). Wiesbaden: Springer.

Barricelli, Michele. (2005). Schüler erzählen Geschichte. Schwalbach a. T.: Wochenschau.

Barricelli, Michele. (2012). Narrativität. In Ders. & Martin Lücke (Hrsg.). Handbuch Praxis des Geschichtsunterrichts. (Bd. 1., S. 255–280). Schwalbach a. T.: Wochenschau.

Barricelli, Michele/Gautschi, Peter & Körber, Andreas. (2012). Historische Kompetenzen und Kompetenzmodelle. In Barricelli, M. / Lücke, M. (Hrsg.). Handbuch Praxis des Geschichtsunterrichts (Bd. 1, S. 207-235). Schwalbach a. T.: Wochenschau.

Bernsen, Daniel & Kerber, Ulf. (Hrsg.) (2017). Praxishandbuch Historisches Lernen und Medienbildung im digitalen Zeitalter. Leverkusen: Barbara Budrich.

Britt, Anne M./Rouet, Jean François & Perfetti, Charles. A. (1996). Using Hypertext to Study and Reason About Historical Evidence. In Jean François Rouet/Jarmo L. Levonen/ Andrew Dillon & Rand J. Spiro (Hrsg.). Hypertext and Cognition (S. 43-72). New Jersey: Lawrence Erlbaum.

Buchsteiner, Martin. & Nitsche, Martin (2016) (Hrsg.). Historisches Erzählen und Lernen. Historische, theoretische, empirische und pragmatische Erkundungen. Wiesbaden: Springer.

Götz, Georg (2016). Wie fachspezifisch ist narrative Kompetenz. In Zeitschrift für Didaktik der Gesellschaftswissenschaften 2, 97–107.

Heil, Werner (2012). Kompetenzorientierter Geschichtsunterricht. Geschichte im Unterricht, (Bd. 1, 2. Aufl.). Stuttgart: Kohlhammer.

Kerber Ulf (2017). Narrationen mit digitalen Werkzeugen selber erstellen. In Daniel Bernsen & Ulf Kerber (Hrsg.). Praxishandbuch Historisches Lernen und Medienbildung im Digitalen Zeitalter (S. 383–394). Leverkusen: Barbara Budrich.

Kerber, Ulf (2017). Narration und Digital Storytelling im Geschichtsunterricht. In Daniel Bernsen & Ulf Kerber (Hrsg.). Praxishandbuch Historisches Lernen und Medienbildung im digitalen Zeitalter (S. 181–192). Leverkusen: Barbara Budrich.

Mayring, Philipp. (2016). Qualitative Inhaltsanalyse. Grundlagen und Techniken. Weinheim und Basel: Beltz.

Monte-Sano, Chancey/De la Paz, Susan & Felton, Mark. (2014). Reading, Thinking, and Writing about History. Teaching Argument Writing to Diverse Learners in the Common Core Classroom, Grades 6-12. New York: Teachers College Press.

Pandel, Hans-Jürgen (2010). Historisches Erzählen. Narrativität im Geschichtsunterricht. Schwalbach a. T.: Wochenschau.

Puentedura, Ruben R. (2006). Transformation, Technology, and Education. Abgerufen von www.hippasus.com/resources/tte


  1. Vgl. folgende Sammelbandbeiträge: Kerber, U (2017). Narration und Digital Storytelling im Geschichtsunterricht, 181–192); Kerber U. (2017). Narrationen mit digitalen Werkzeugen selber erstellen, 383–394.↩︎

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