Von Stacheldraht bis Nivea-Dose – Wie die Durchführung einer archäologischen Ausgrabung bei SchülerInnen Konzeptveränderungen des historischen Denkens anstoßen kann

Johanna Sachse (Universität Bremen):

Unbestreitbar besitzt die Archäologie seit jeher ein Faszinosum in der Gesellschaft, was die konstant hohen BesucherInnenzahlen aller Altersgruppen archäologischer Museen bestätigen. Doch inwiefern kann dieses bestehende Interesse an vergangenen Kulturen und Ereignissen im Sinne des historischen Lernens als primäres Anliegen des Geschichtsunterrichts in Schulen genutzt werden? Von geschichtsdidaktischer Seite her gab es zu diesem interdisziplinär angelegten Feld bislang nur unzureichende Forschungsbeiträge. Lediglich von Seiten der Archäologie wurde diese Thematik in Form der Dissertation von Miriam Sénécheau (2006) über die Darstellung der Archäologie beispielsweise in Lehrbüchern sowie der intensiven Öffentlichkeitsarbeit Stefanie Samidas angegangen. Letztere fordert die GeschichtsdidaktikerInnen in ihren Artikeln unmissverständlich dazu auf, sich ebenfalls am Diskurs um eine Archäologiedidaktik zu beteiligen (Samida, 2010, 224-225).

Um dieser Forderung nachzugehen, soll in meiner Dissertationsstudie aus einem fachdidaktischen Blickwinkel eine qualitativ-rekonstruktiv angelegte Interventionsstudie in Kombination mit der Autofotografie einen Einblick in Reflexions- und Lernprozesse von SchülerInnen geben, die an archäologischen Ausgrabungen teilnehmen. Die Fragen, was und wie SchülerInnen bei der Durchführung dieser Ausgrabungen lernen, stehen im Mittelpunkt der Forschung und damit auch des Tagungsbeitrags. Den theoretischen Bezugsrahmen für die Interpretation der Untersuchungsergebnisse stellt der Conceptual Change-Ansatz dar. Grundlage dieser Theorie ist die Annahme, dass SchülerInnen ihre „naiven“, auf Alltagswissen basierenden Konzepte zu einer bestimmten Thematik im Zuge einer (geleiteten) Intervention hin zu „wissenschaftlicheren“ Konzepten modifizieren (Günther-Arndt, 2016).

Um herauszufinden, in welcher Hinsicht dies gelungen ist, bin ich mit SchülerInnen ein dreischnittiges Datenerhebungsverfahren durchlaufen. Dabei haben insgesamt vier verschiedene Lerngruppen zwischen dem 9. und 13. Jahrgang unter anderem in Kooperation mit der Landesarchäologie Bremen eine archäologische Ausgrabung auf dem Gelände eines ehemaligen KZ-Außenlagers durchgeführt und dabei Befunde und Funde unterschiedlicher Zeitschichten zutage gefördert.1 Sowohl vor als auch nach der Exkursion zum außerschulischen Lernort wurden mit jeweils fünf SchülerInnen Einzelinterviews geführt. Während der Intervention selbst bekamen diese TeilnehmerInnen die Aufgabe, ihre Erlebnisse mithilfe von Digitalkameras bildlich festzuhalten, sodass die dadurch entstandenen Fotos zum einen als Gesprächsanlass im darauffolgenden Interview und zum anderen aufgrund ihrer persönlichen Prägung als auszuwertendes Datenmaterial dienten.

Die Datenauswertung der Gespräche erfolgt mithilfe der qualitativen Inhaltsanalyse nach Kuckartz (2018) und Schreier (2012), während bei den Fotografien die lebensweltbezogene Bildhermeneutik nach Niesyto (2006) Anwendung findet. Die stichprobenartige Sichtung des Materials hat bereits zeigen können, dass die Ausgrabung bei den SchülerInnen ganz unterschiedliche Konzeptveränderungen oder auch -bestätigungen auslösen konnte, denn insgesamt sprechen viele ProbandInnen in den Postinterviews davon, dass sie aufgrund der Ausgrabung inhaltlich gesehen eine neue Sichtweise auf die Zeit des Nationalsozialismus und die begangenen Verbrechen bekommen hätten. Insbesondere der von ihnen freigelegte Stacheldraht stellt in nahezu allen Gesprächen ein wiederkehrendes Motiv dar und bekommt somit als Symbol der Leiden eine große Bedeutung zugeschrieben, indem die Verbrechen ein Stück weit „fassbarer“ (Postinterview Cécile, 9. Klasse, Gymnasium, 21.09.2018, Zeile 478) geworden sind. Ein ähnliches Bild spiegelt sich im Hinblick auf das Konzept der Methode Archäologie wieder. Während eine Schülerin beteuert, dass sich ihr Bild von Archäologie kaum verändert hätte, sondern lediglich spezifischer geworden sei, führt ein anderer Schüler verschiedene Dimensionen an, die mit einer Ausgrabung einhergehen, wenn er sagt:

„Also auf jeden Fall ist mir klar geworden, dass es sehr viel Arbeit ist […]. Wir waren drei Gruppen. An dem Tag und dann noch am Tag danach haben wir das geschafft, an zwei Tagen und das ist ja wirklich nichts […]. Die Planung, dann die Grabungstechniker, Leute, die graben, Leute, die sieben, Leute, die das Ganze interpretieren. Ja, also wie viel da halt wirklich drin steckt.“ (Postinterview Lamar, 12. Klasse, Gymnasium, 26.10.2018, Zeilen 433-454)

Die Beispiele lassen deutlich werden, dass der Ausblick auf die kommende intensive Datenanalyse in Bezug auf die Beantwortung der Fragestellung durchaus vielversprechend ist und mithilfe des Kategoriensystems unterschiedliche Aspekte beleuchtet werden können (Sachse, 2019a; Sachse, 2019b).

Der Tagungsbeitrag wird die zugrunde liegende Theorie und Methodik sowie das komplexe Forschungsdesign noch einmal näher erläutern. Überdies soll die Gelegenheit genutzt werden, an den Forschungsergebnissen anknüpfend, die Potenziale der Archäologie für den Geschichtsunterricht gemeinsam zu reflektieren bzw. zu diskutieren.

Literatur

Günther-Arndt, Hilke. (2006). Conceptual Change-Forschung: Eine Aufgabe für die Geschichtsdidaktik?. In: Hilke Günther-Arndt, Hilke & Michael Sauer (Hrsg.), Geschichtsdidaktik empirisch: Untersuchungen zum historischen Denken und Lernen (S. 251-277). Berlin: Lit Verlag.

Kuckartz, Udo. (2016). Qualitative Inhaltsanalyse: Methoden, Praxis, Computerunterstützung. München: Beltz Juventa.

Niesyto, Horst. (2006). Bildverstehen als mehrdimensionaler Prozess: Vergleichende Auswertung von Bildinterpretationen und methodische Reflexion. In: Winfried Marotzki & Horst Niesyto (Hrsg.), Bildinterpretation und Bildverstehen: Methodische Ansätze aus sozialwissenschaftlicher, kunst- und medienpädagogischer Perspektive (S. 253-286). Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Sachse, Johanna. (2019a). „Dann war das doch was ganz anderes als wir dachten“ – Konzeptveränderungen bei Schüler*innen mit der Durchführung einer archäologischen Ausgrabung. In: Christine Pflüger (Hrsg.), Die Komplexität des kompetenzorientierten Geschichtsunterrichts (S. 173-190). Göttingen: V & R unipress.

Sachse, Johanna. (2019b). Regionalgeschichte zum Anfassen – Ausgrabungen mit Schüler*innen auf dem Gelände des ehemaligen KZ-Außenlagers „Schützenhof“. In: Uta Halle & Ulrike Huhn (Hrsg.), Bremen-Gröpelingen, Bromberger Str. 117: Schützenhof – Internierungslager – Polenlager – KZ-Außenlager – Wohn- und Arbeitsort (S. 109-110). Bremen: Edition Falkenberg.

Samida, Stefanie. (2010). Was ist und warum brauchen wir eine Archäologiedidaktik?. In: Andreas Michler (Hrsg.), Zeitschrift für Geschichtsdidaktik, (9), 215-226.

Schreier, Margrit. (2012). Qualitative Content Analysis in Practice, London: SAGE.

Sénécheau, Miriam. (2006). Archäologie im Schulbuch: Themen der Ur- und Frühgeschichte im Spannungsfeld zwischen Lehrplananforderungen, Fachdiskussion und populären Geschichtsvorstellungen. Schulbücher, Unterrichtsfilme, Kinder- und Jugendliteratur (Dissertation). Albert-Ludwigs-Universität, Freiburg im Breisgau.

Theune, Claudia. (2014). Archäologie an Tatorten des 20. Jahrhunderts. Darmstadt: Theiss.


  1. Im Laufe der letzten Jahre hat sich die Archäologie der Moderne herausgebildet und neben den älteren Archäologien (u.a. Ur- und Frühgeschichtliche Archäologie) etabliert. Sie beschäftigt sich mit der archäologischen Erforschung zeitgeschichtlicher Stätten und hat einen Schwerpunkt in der Aufarbeitung von Orten nationalsozialistischer Verbrechen (Theune, 2014).

    Die Dissertationsstudie selbst bestand insgesamt aus zwei Teilen, denn zwei Klassen haben in Bremen eine authentische Grabung durchgeführt, wohingegen die anderen zwei Lerngruppen ein pädagogisches Angebot des Museum und Park Kalkriese im Osnabrücker Land zur Varusschlacht wahrgenommen hatten, bei dem die Grabung nachgestellt war. Im Vortrag soll jedoch aus Zeitgründen der Schwerpunkt auf die Ausgrabung auf dem ehemaligen Gelände des KZ-Außenlagers in Bremen liegen.↩︎

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