Zum Zusammenhang zwischen historischem Denken und geschichtstheoretischen Beliefs

Jan Scheller und Martin Nitsche (PH FHNW/ZDA)

Theoretischer Hintergrund

Geschichtsdidaktiker*innen sind sich trotz zahlreicher Unterschiede einig: im Geschichtsunterricht sollen Schüler*innen historisch Denken lernen, die notwendigen (Teil-) Kompetenzen und zugehörigen Teiloperationen ausbilden, historisches Wissen (z.B. relevante Geschichte(n), Fachkonzepte wie Dauer und Wandel) erwerben sowie Einsichten in erkenntnistheoretische Konzepte gewinnen (van Boxtel & van Drie, 2018; z.B. Bracke et al., 2018). Wie sich historisches Denken bei Personen unterschiedlicher Bildungsniveaus unterscheidet und welche Rolle geschichtstheoretische Beliefs dabei spielen, ist indes kaum erforscht.

Fragestellung

Auf der Grundlage von Pilotergebnissen der Studie «Research of Learning Processes in History (RicH)» behandeln wir im Vortrag drei Fragen:

  • Welche Teiloperationen historischen Denkens nutzen Schüler*innen und Studierende, wenn sie zur Auseinandersetzung mit einem historischen Plakat aufgefordert werden?
  • Inwiefern spielen geschichtstheoretische Beliefs eine Rolle?
  • Inwiefern lassen sich Unterschiede zwischen Schüler*innen und Studierenden in Bezug auf ihre analytischen Aktivitäten und geschichtstheoretischen Beliefs feststellen?

Forschungsstand

Der Forschungsstand hinsichtlich historischer Analyseprozesse wächst stetig. Wineburg (z.B. 1991) arbeitete z.B. drei Heuristiken historischen Denkens in Analyseprozessen von Historiker*innen und Schüler*innen heraus und betonte, Unterschiede in ihren Prozessen könnten aufgrund ihrer epistemologischen Konzepte erklärt werden. Lee und Shemilt (z.B. 2003) differenzierten das epistemologische Verständnis von Schüler*innen etwa für «evidence» auf einem Kontinuum zwischen objektivistischen und elaborierten Konzepten.

Anschliessend untersuchte Maggioni (2010) die epistemologischen Beliefs von US-Sekundarschüler*innen, welche sie entwicklungslogisch in drei «stages» (z.B. «borrower», «criterialist») einteilte. Anhand eines halbjährigen Längsschnitts würden Schwankungen der Lernenden zwischen den Stufen sowie die Kontexteinbindung ihrer Annahmen (z.B. Familie, Religion) deutlich.

Stoel et al. (2017) zeigten mittels Befragung von holländischen Schüler*innen und Historiker*innen, dass sich die epistemologische Beliefs in Dimensionen unterteilen lassen. Entgegen der dargestellten internationalen Diskussion sind deutschsprachige Studien selten (z.B. Bernhard, 2019; Martens, 2015; Mierwald, Lehmann & Brauch, 2018).

Daher integrierte der Zweitautor den entwicklungslogischen und dimensionalen Ansatz, um geschichtstheoretische Beliefs von (angehenden) Lehrkräften zu untersuchen (Nitsche, 2017, 2019). Er differenzierte das Konstrukt in die Positionen Positivismus, Skeptizismus und narrativer Konstruktivismus, welche jeweils in sechs Dimensionen (z.B. Geschichtsbegriff, Herkunft historischen Wissens) konkretisiert wurden.

Methodische Vorgehensweise

Die Datenerhebung erfolgte mittels kognitiver Interviews (Beatty & Willis, 2007), an denen fünf Schüler*innen einer Schule (zwei Acht-, zwei Zehntklässlerinnen und ein Zwölftklässler) und zwei Studierende einer Universität (beide zu Studienbeginn) teilnahmen. Sie wurden aufgefordert, ein Plakat über die französische Besetzung des Ruhrgebiets von 1923 unter Rückgriff auf eine historische Darstellung zu analysieren. Es wurde je ein Interview vor und nach der Bearbeitung durchgeführt. Die schriftliche Bearbeitung der Aufgabe liegt ebenfalls vor.

Literaturbasiert führte der Erstautor qualitative Inhaltsanalysen durch (Kuckartz, 2016), kodierte die Interviews hinsichtlich Teiloperationen historischer Medienanalyse und konstruierte Idealtypen derselben (Scheller, 2019). Aufbauend auf Nitsches (2019) Kategoriensystem führten wir Sekundäranalysen hinsichtlich geschichtstheoretischer Annahmen während des Analyseprozesses durch.

Ergebnisse & Ausblick

Die Erstanalyse zeigte, dass die Analyseprozesse der Teilnehmer*innen sehr unterschiedlich abliefen, jedoch zwei übergreifende Operationen identifizierbar waren: Alle Teilnehmer*innen versuchten zu Beginn, mit Hilfe der historischen Darstellung den Plakatinhalt zu verstehen. Aufbauend rekonstruierten die Befragten die informative Absicht des Plakatproduzenten. Die übrigen, individuell verschiedenen Vorgehensweisen liessen sich in fünf Typologien hinsichtlich operationaler Qualitätsunterschiede verdichten.

Im Gegensatz dazu verdeutlichte die Sekundäranalyse Unterschiede in den geschichtstheoretischen Beliefs der Befragten basierend auf ihrer institutionellen Verortung. Universitätsstudierende neigten zu elaborierten geschichtstheoretischen Überzeugungen. So lassen sich ihre Aussagen hinsichtlich der Herkunft des historischen Wissens als Ausdruck narrativ-konstruktivistischer oder zumindest «interpretativer» Beliefs deuten («Der Autor hat wahrscheinlich versucht …»), während Schüler*innen eher positivistische Überlegungen anstellten («Das Plakat wurde gemacht um zu zeigen, dass…»).

Im Vortrag werden diese Befunde in die Literatur eingeordnet (z.B. Martens, 2015; Wineburg, 1991), hinsichtlich der Funktion geschichtstheoretischer Beliefs für historisches Denken diskutiert sowie Schlussfolgerungen für die Konstituierung der «RicH»-Studie abgeleitet.

Literaturverzeichnis

Beatty, Paul C. & Willis, Gordon B. (2007). Research Synthesis: The Practice of Cognitive Interviewing. Public Opinion Quarterly, 71(2), 287–311. https://doi.org/10.1093/poq/nfm006

Bernhard, Roland. (2019). Using mixed methods to capture complexity in an empirical project about teachers’ beliefs and history education in Austria. History Education Research Journal, 16(1), 63–73. https://doi.org/10.18546/HERJ.16.1.06

Boxtel, Carla van & Drie, Jannet van. (2018). Historical reasoning: conceptualizations and educational applications. In Scott Alan Metzger & Lauren McArthur Harris (Hrsg.), The Wiley International Handbook of History Teaching and Learning (S. 149–176). New York: Wiley & Blackwell.

Bracke, Sebastian/Flaving, Colin/Jansen, Johannes/Köster, Manuel/Lahmer-Gebauer, Jennifer/Lankes, Simone/… Zülsdorf-Kersting, Meik. (2018). Theorie des Geschichtsunterrichts. Schwalbach/Ts.: Wochenschau.

Kuckartz, Udo. (2016). Qualitative Inhaltsanalyse. Methoden, Praxis, Computerunterstützung (3. Aufl.). Weinheim: Beltz Juventa.

Lee, Peter & Shemilt, Denis. (2003). A scaffold, not a cage: Progression and progression models in history. Teaching History, (113), 13–23.

Maggioni, Liliana. (2010). Studying epistemic cognition in the history classroom: Cases of teaching and learning to think historically (Ph.D.). Ann Arbor, United States. Abgerufen von https://drum.lib.umd.edu/handle/1903/10797

Martens, Matthias. (2015). Understanding the nature of history. Students’ tacit epistemology in dealing with conflicting historical narratives. In Arthur Chapman & Arie Wilschut (Hrsg.), Joined-Up History. New Directions in History Education (S. 211–230). Charlotte, NC: Information Age.

Mierwald, Marcel/Lehmann, Thomas & Brauch, Nicola. (2018). Zur Veränderung epistemologischer Überzeugungen im Schülerlabor: Authentizität von Lernmaterial als Chance der Entwicklung einer wissenschaftlich angemessenen Überzeugungshaltung im Fach Geschichte? Unterrichtswissenschaft. https://doi.org/10.1007/s42010-018-0019-7

Nitsche, Martin. (2017). Geschichtstheoretische und -didaktische Beliefs angehender und erfahrener Lehrpersonen – Einblicke in den Forschungsstand, die Entwicklung der Erhebungsinstrumente und erste Ergebnisse. In Uwe Danker (Hrsg.), Geschichtsunterricht – Geschichtsschulbücher – Geschichtskultur. Aktuelle geschichtsdidaktische Forschung des wissenschaftlichen Nachwuchses (S. 85–106). Göttingen: V&R unipress.

Nitsche, Martin. (2019). Beliefs von Geschichtslehrpersonen – eine Triangulationsstudie. Bern: hep.

Scheller, Jan. (2019). Rekonstruktion historischer Denkoperationen. Schüler/-innen und Studierende analysieren die zugrundeliegenden Intentionen und Orientierungsabsichten eines Plakats. In Christine Pflüger (Hrsg.), Die Komplexität des kompetenzorientierten Geschichtsunterrichts – Aktuelle geschichtsdidaktische Forschungen. (S. 17–34). Göttingen: V&R.

Stoel, Gerhard/Logtenberg, Albert/Wansink, Bjorn/Huijgen, Tim/Boxtel, Carla van & Drie, Jannet van. (2017). Measuring epistemological beliefs in history education: An exploration of naïve and nuanced beliefs. International Journal of Educational Research, 83, 120–134.

Wineburg, Samuel S. (1991). Historical problem solving: a study of the cognitive processes used in the evaluation of documentary and pictorial evidence. Journal of Educational Psychology, 83(1), 73–87. http://dx.doi.org/10.1037/0022-0663.83.1.73

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