Geschichts- oder Politikunterricht? Multi-, trans- oder interdisziplinär? – Geschichtslehrpersonen unterrichten Politische Bildung

Jan Scheller und Julia Thyroff (PH FHNW/ZDA)

Der neue Lehrplan 21 bringt der Deutschschweiz Neuerungen im gesellschaftswissenschaftlichen Fachbereich: Politische Bildung wird flächendeckend eingeführt, in den meisten Kantonen zusammen mit Geschichte und Geographie im Integrationsfach «Räume – Zeiten – Gesellschaften» vereinigt und wahrscheinlich häufig von Geschichtslehrpersonen unterrichtet, die nicht politikdidaktisch ausgebildet sind. Während zahlreiche theoretische Arbeiten zum fächerintegrativen gesellschaftswissenschaftlichen Unterricht vorliegen, sind empirische Erkundungen – abgesehen von ersten Befragungen von Akteuren (Denninger, 2019) sowie vereinzelten Unterrichtsanalysen (z.B. Bürgler & Hodel, 2013; Hodel & Waldis, 2007b; Thyroff, Hedinger & Waldis, 2019) – bislang rar. Der Beitrag präsentiert Analysen von Unterrichtseinheiten, in denen Geschichtslehrpersonen Politische Bildung unterrichteten.

Fragestellung

Folgende Fragen stehen im Zentrum:

  • Lassen sich die Unterrichtseinheiten oder einzelne Phasen daraus Politischer Bildung, Geschichtsunterricht oder beiden im Sinne fächerübergreifenden Unterrichts zuordnen?
  • Inwiefern sind bereits vorliegende theoretische Konzeptionen des Fachlichen und Fächerübergreifenden bei der empirischen Analyse tragfähig oder geraten an die Grenzen ihrer Erklärungskraft?

Forschungsstand

Theoretisch-konzeptionelle Arbeiten zu den Gemeinsamkeiten und Unterschieden zwischen Geschichte und Politischer Bildung im Speziellen sowie zwischen den gesellschaftswissenschaftlichen Fächern im Allgemeinen liegen vielfach vor. Im Widerspruch zur verbreiteten Einführung von Integrationsfächern in Schulen besteht jedoch noch kein «elaboriertes, theoretisch fundiertes und in den gesellschaftswissenschaftlichen Fachdidaktiken gestütztes Integrationskonzept» (Sander, 2017, 9f.). Arbeiten, welche die Ziele von Geschichtsunterricht und Politischer Bildung verglichen, betonen sowohl Gemeinsamkeiten als auch Unterschiede (Hellmuth, 2009; Jeismann, 1992; Körber, 2004; Lange, 2004, 2007; Sander, 2017; Waldis, Schneider, Hedinger & Thyroff, 2017; Ziegler, 2017). Berührungspunkte wurden auf Ebene der Schlüsselprobleme konstatiert, die für gesellschaftswissenschaftliche Fächer dieselben seien, jedoch aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet würden (Horn, Klee, zu Erbe & Partetzke, 2019; NCSS, 2013; Pandel, 2001; Sander, 2017; Weber, 2019). Zu ähnlichen Schlussfolgerungen kommen Arbeiten hinsichtlich Basis- bzw. Fachkonzepten (Hellmuth & Kühberger, 2016; Kühberger, 2012; Sander, 2014). Unterschiedliches folgerten Autor*innen, welche zu erwerbende Kompetenzen verglichen (Brühne, 2014; Hellmuth, 2009; Waldis et al., 2017; Weber, 2019; Ziegler, 2017). Beispielsweise konstatiert Hellmuth (2009, 488) Überschneidungen bei den methodischen Instrumentarien, Ziegler (2017, 45) umgekehrt «die Verschiedenheit (…) der an sich verwandten fachlichen Kompetenzdimensionen».

Neben einem Vergleich der fachlichen Zugänge existieren Ansätze, die Möglichkeiten der Fächerverbindung betrachten. Etwa unterscheidet Arand (2017) in multi-, inter-, und transdisziplinäre Ansätze, Lange (2006) spricht von Kooperations-, Korrelations- und Integrationsmodellen. Während die Frage der Fachlichkeit und Fächerverbindung bislang primär theoretisch abgehandelt wurde, wird mit dem vorliegenden Beitrag eine Rückkoppelung von Theorie und Empirie angestrebt. Die theoretisch entfalteten Kategorien zur Identifizierung von Geschichtsunterricht sowie Politischer Bildung werden an die Unterrichtsstunden angelegt und geprüft, inwiefern sie als Heuristiken zur Beantwortung der Fragestellungen hilfreich sind.

Methode

Für die Analyse stehen 11 Unterrichtseinheiten (zumeist 2 Doppellektionen) von 10 Lehrpersonen zur Verfügung. Das Sample ergab sich aus interessierten Geschichtslehrpersonen, die zuvor an einer Fortbildung für Politische Bildung teilgenommen hatten und dann in ihren Klassen unterrichteten. Dabei wurden verschiedene Schulformen und Klassenstufen (2 × 7. Klasse, 5 × 8. Klasse, 4 × 9. Klasse) sowie zwei Themen, «Europa-Schweiz» (4 Lehrpersonen) und «Menschenrechte» (6 Lehrpersonen), abgedeckt.

Die Unterrichtseinheiten wurden videografiert (Hodel & Waldis, 2007a), transkribiert und werden qualitativ inhaltsanalytisch mit deduktiv-induktivem Kategoriensystem ausgewertet (Kuckartz, 2016), wobei die deduktiven Kategorien aus theoretischen Ansätzen für die Bestimmung von Fachlichkeit und Fächerverbindung abgeleitet wurden.

Ergebnisse & Ausblick

Die Ergebnisse zeigen, dass die deduktiv ermittelten Kategorien unterschiedlich geeignet sind, historische bzw. politische Lehr-Lern-Settings zu identifizieren, mindestens der induktiven Ausdifferenzierung bedürfen. Didaktische Prinzipien wie Lebensweltbezug oder Multiperspektivität oder auch Globalperspektiven wie «Zeit» oder «Gesellschaft» erweisen sich beispielsweise als begrenzt brauchbar. Ergiebiger, wenn auch nicht vollends fachlich trennscharf, erschienen auf der Inhaltsebene Kategorien wie «Akteure» und deren «Interessen» für Politische Bildung, «Verknüpfung von Zeitebenen» für Geschichte. Hinsichtlich der Zuordnung des beobachteten Unterrichts zu Modellen des Fächerübergreifenden sind unterschiedliche Befunde möglich, je nachdem, ob die Struktur des unterrichtlichen Organisationsgefässes oder die konkrete inhaltliche Ausgestaltung, ob einzelne Sequenzen oder die Einheit als Ganzes ins Blickfeld rücken.

Literaturverzeichnis

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Brühne, Thomas. (2014). Bestandsaufnahme gesellschaftswissenschaftlicher Fächerverbünde in Deutschland und Überlegungen zu einer stärker integrativ ausgerichteten Organisationsform. Zeitschrift für Didaktik der Gesellschaftswissenschaften, (1), 100–115.

Bürgler, Beatrice & Hodel, Jan. (2013). Politische Bildung im Unterricht – Eine empirische Spurensuche mit theoretischen Konnotationen. In Ingo Juchler (Hrsg.), Kompetenzen in der politischen Bildung (Bd. 9, S. 196–206). Schwalbach/Ts.: Wochenschau.

Denninger, Gabriele. (2019). Wie erleben die Akteure Lehrer/-innen und Schüler/-innen Integrationsmodelle? Rekonstruktion der Lehr- und Lernarrangements im Unterrichtsfach Politische Bildung und Geschichte am Beispiel der berufsbildenden höheren Schulen (BHS). Zeitschrift für Didaktik der Gesellschaftswissenschaften, (1), 58–75.

Hellmuth, Thomas. (2009). Politische Bildung als historisch-politische Sinnstiftung: Überlegungen zu einem historisch-politischen Kompetenzmodell. Österreichische Zeitschrift für Politikwissenschaft, 38(4), 483–496.

Hellmuth, Thomas & Kühberger, Christoph. (2016). Kommentar zum Lehrplan der Neuen Mittelschule und der AHS-Unterstufe «Geschichte und Sozialkunde/Politische Bildung» (2016). Abgerufen von https://www.politik-lernen.at/dl/NqssJKJKonmomJqx4OJK/GSKPB_Sek_I_2016_Kommentar_zum_Lehrplan_Stand_26_09_2016.pdf

Hodel, Jan & Waldis, Monika. (2007a). Sichtstrukturen im Geschichtsunterricht – die Ergebnisse der Videoanalyse. In Peter Gautschi, Daniel V. Moser, Kurt Reusser & Pit Wiher (Hrsg.), Geschichtsunterricht heute. Eine empirische Analyse ausgewählter Aspekte (S. 91–142). Bern: hep.

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Horn, Sabine/Klee, Andreas/Erbe, Fried Meyer zu & Partetzke, Marc. (2019). «Sozialwissenschaften im Kontext» – Das Bremer Modell der fachkorrelativen Lehramtsausbildung. Zeitschrift für Didaktik der Gesellschaftswissenschaften, (1), 142–151.

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Kuckartz, Udo. (2016). Qualitative Inhaltsanalyse. Methoden, Praxis, Computerunterstützung (3. Aufl.). Weinheim: Beltz Juventa.

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Lange, Dirk. (2004). Historisch-politische Didaktik. Zur Begründung historisch-politischen Lernens. Schwalbach/Ts.: Wochenschau.

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Ziegler, Béatrice. (2017). Politische Bildung in der Schweiz. In Dirk Lange & Volker Reinhardt (Hrsg.), Konzeptionen, Strategien und Inhaltsfelder Politischer Bildung (Bd. 1, S. 473–484). Hohengehren: Schneider.

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